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Geschafft! Hamburg - ENDLICH - Teil 2

Start in die zweite Woche Hamburg: An der Akademie für Publizistik in der Speicherstadt warten auf meine Mitvolontäre und mich die Themen: Storytelling, Interviewführung, Presserecht und Ethik.

Storytelling: Geschichten erleben – und was für eine…

In die zweite Woche starten wir mit Storytelling. Anders gesagt: Geschichten erlebbar auf Papier bringen. Worauf kommt es dabei an? Das sollen wir Ende der Woche mit unserem eigenen Text herausfinden. Welchen Protagonisten wir für unsere Geschichte begleiten möchten, darüber haben wir uns bereits im Vorfeld zum Seminar Gedanken gemacht. Über ihn oder sie schreiben wir entweder ein Portrait oder eine Reportage.

Ich habe mir zwei Geschichten überlegt. Zum einen die Reparatur eines unserer Oldtimer in der PS.Werkstatt als Thema einer Reportage. Zum anderen ein Portrait über eine Kollegin. Sie ist der Liebe wegen in den Libanon ausgewandert und hat dort viele Jahre gelebt – ohne Happy End. Ich favorisiere das Portrait, denn ich habe noch nie eins geschrieben. Und ich bin neugierig und gespannt auf ihre Lebensgeschichte. ;-) 

Als wir am Montagabend dem Dozenten unsere Themen vorstellen, ist er mit einigen der Vorschläge leider so gar nicht einverstanden. Auch mit meinen nicht. :-( Nicht spannend genug. Stattdessen möchte er, dass ich einen Darsteller aus dem "Hamburger Dungeon" treffe. Hm, ok. Leider ist meine Anfrage dort jedoch nicht von Erfolg gekrönt. Durchaus nachvollziehbar, denn es ist bereits Montagabend und der Termin für Freitag zu kurzfristig. Zudem, so die Verwaltung, steht das Halloweenwochenende mit Spezialshows bevor. Keiner der Darsteller hat Zeit.

Ich versuche mein Glück parallel bei der Stage School. Auch hier kommt postwendend die Absage: zu kurzfristig. Mittlerweile ist bereits Dienstag. Auf meine Anfrage beim Miniaturwunderland kommt keine Resonanz. Eine letzte Idee habe ich noch: der Stadtführer! Am vergangenen Wochenende habe ich an seiner Tour durch Hamburg teilgenommen. Dabei hatte er erzählt, Schauspieler zu sein. Also eine Ähnlichkeit zu dem Thema, das mein Dozent mit dem Dungeon-Schauspieler für mich vorgesehen hat. Immerhin gab es zu diesem Herrn schon einen persönlichen Kontakt, die Stadtführung hatte richtig Spaß gemacht und der Typ war sehr nett. Dass wir uns bereits persönlich begegnet sind, macht es mir vielleicht leichter einen Termin zu vereinbaren (hoffe ich zumindest). Seine Antwort kommt schnell. Er hat Interesse. Ich freue mich und bin beruhigt, doch noch jemanden gefunden zu haben, der bereit ist, dass ich über ihn schreibe. Doch schnell wird klar, dass ich mich zu früh gefreut habe…


Die Sache mit dem „Mehrwert“

Bei unserem Telefonat stellt sich heraus, dass er nur bereit ist, sich mit mir zu treffen, wenn für ihn ein „Mehrwert“ rausspringt. Hm, ok. Das Portrait ist lediglich eine Fingerübung. Es gibt keine Note. Ich arbeite bei keinem Medium, das den Text über ihn, zwecks Eigenwerbung, öffentlich verbreiten kann. Doch überraschenderweise meint er mit dem „Mehrwert“ gar keine Veröffentlichung zu Werbezwecken, sondern etwas auf das ich nie gekommen wäre: eine Zeugenaussage vor Gericht.

Der Herr hat offenbar seine Stadttour als Theaterstück mit der Künstlersteuer besteuert und nicht mit der regulären. In Kürze steht seine Verhandlung an. Sein „Mehrwert“ im Gegenzug für meine Geschichte, soll eine schriftliche Zeugenaussage sein, dass ich die Tour als Theaterstück wahrgenommen habe. Äh, nö!! Zum einen war das weiß Gott kein Theaterstück sondern eine Stadtführung, und zum anderen nenne ich das Erpressung! Als ich den Mund, der mir aufgrund dieser Gesprächswendung offen gestanden hat, wieder zukriege, lehne ich ab. Irgendwo ist auch gut! Der bis eben noch so nette Telefonpartner ist bei der Verabschiedung gar nicht mehr so nett. Das Erlebnis zeigt wieder einmal deutlich, dass man den Menschen eben doch nur bis vor die Stirn gucken kann.

Eine Geschichte habe ich definitiv erlebt, ein Thema für mein Storytellingtext aber immer noch nicht. Aber es steht ja noch die Antwort des Miniaturwunderlands aus. Bis dahin konzentriere ich mich auf mein Interview. Wir haben nämlich morgen Interviewführung mit geladenen Gästen vor laufender Kamera.


Emotionen beim Komponieren von Musik

Zu Gast haben wir einen lokalen Hamburger Musiker, eine Lehrerin die an einer Brennpunktschule unterrichtet, eine Sportmoderatorin und einen Kiezladenbesitzer. Jeweils vier von uns Volos sollen sich für einen Gast entscheiden. Jeder bekommt fünf Minuten Zeit für seine Fragen, dann ist der nächste in der Gruppe dran. Die Interviewgäste sind so, wie sie sind und spielen uns keine Rolle vor, in dem sie uns das Interview durch Wortkargheit, nicht enden wollenden Redeschwall oder andere Faktoren schwermachen sollen.

Ich entscheide mich für den Musiker als Interviewpartner. Meine Fragen drehen sich um seine Emotionen beim Komponieren von Musik. Hinter der Kamera steht unsere Seminarleiterin Anne. Schon als ich in den Raum komme, merke ich das ich mit meiner Wahl echt Glück hatte. Mein Gesprächspartner ist locker drauf und beantwortet alle meine Fragen: mal ernst, mal witzig. Die Kamera vergesse ich schnell. Die fünf Minuten Gesprächszeit vergehen in rasender Geschwindigkeit… Auf meinem Zettel stehen noch zwei Fragen, die unbeantwortet bleiben. Das Interview hat richtig Spaß gemacht. :-)

Am Nachmittag analysieren wir alle 19 Interviews. Was haben wir richtig / falsch gemacht. Haben wir Fensterchen erkannt, die unser Gesprächspartner geöffnet hat und dort eingeharkt? Auch erstaunlich, wie schnell die fünf Minuten in der Situation vergangen sind und wie „lange“ sie beim Anschauen dauern.

Noch etwas fällt mir beim Gucken der Interviews auf. Ich habe mit dem Musiker tatsächlich die richtige Wahl getroffen. Auch die Gruppe, die die Lehrerin interviewt hat, kommt gut weg. Die Moderatorinnengruppe hingegen… Sie hatten schon eine etwas härtere Nuss zu knacken. Die junge Frau hat zwar souverän und vernünftig auf die Fragen meiner Kolleg*innen geantwortet. Bei näherer Auswertung fällt jedoch auf, dass sie immer an der Oberfläche geblieben ist und keinen der Fragenden wirklich an sich rangelassen hat. Die Interviewgruppe ist überrascht. Keinem von ihnen ist das während des Gesprächs bewusst gewesen.

Von den vier Kolleg*innen, die sich für den Kiezladenbesitzer entschieden haben, ganz zu schweigen. Sie hatten gar nicht erst die Gelegenheit ihre Fragen zu stellen, er ist nämlich nicht zum Interviewtermin erschienen. Als Plan B stellt unsere Seminarleiterin Anne sich den Fragen der Gruppe.

Beim Schauen der Interviews entbrennt dann die heiße Diskussion um das "Du" oder "Sie". Die Mehrzahl von uns (auch ich) haben sich auf das „Wir können gerne Du sagen-Angebot“ des Interviewpartners eingelassen. Unser Dozent hingegen verfechtet das Siezen im Gespräch, da es eine professionelle Distanz zum Gegenüber schafft. Ich habe es bislang immer so gehalten, abzuwarten ob mir mein Gesprächspartner das "Du" anbietet und dann situationsabhängig entschieden. Das behalte ich auch künftig bei...


Halbzeit

Am Ende der Woche folgen noch Presserecht und Ethik im Journalismus. Ein Tag vollgepackt mit Theorie. Eigene Übungen: Fehlanzeige. Die beiden sehr umfangreichen Themen an einem Tag abzuhandeln ist schon recht knapp. Wir Teilnehmer hätten uns mehr Zeit für diese (in unserem Beruf) so wichtigen Themen gewünscht. Kritik, Verbesserungsvorschläge und auch positives Feedback zu Dozenten und Inhalten konnte wir jeder Zeit in unserer täglichen Morgenkonferenz äußern.

Das Ende der zweiten Woche besteht aus dem Schreiben unseres Storytellingtextes. Aufgrund von Krankheitsabwesenheit meldet sich eine Dame aus dem Miniaturwunderland erst am Freitag früh auf meine Anfrage zurück. Zu dem Zeitpunkt habe ich bereits mit dem Portrait über meine Kollegin begonnen. Dass der Rückgriff auf meine Ursprungsidee die richtige Entscheidung war, wird sich noch herausstellen.  ;-)
Keine gute Idee...Nach der Themenablehnung meines Dozenten, versuche ich einen Interviewpartner im Hamburger Dungeon und dem Miniaturwunderland zu finden. Die Attraktionen befinden sich in direkter Nachbarschafft der Akademie, in der Speicherstadt.