Die Automarke Stoewer: Luxuswagen, Frontantrieb und ein verlorenes Werk
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Die Automarke Stoewer zählt zu den frühen bedeutenden deutschen Automobilherstellern. Bereits 1899 beginnt in Stettin die Produktion von Automobilen, und noch vor dem Ende des Ersten Weltkriegs verkauft das Unternehmen mehr als 10.000 Personen- und Lastwagen. Damit gewinnt Stoewer früh Ansehen und etabliert sich als eigenständige Größe im deutschen Automobilbau.

Besonders an Stoewer ist die Verbindung aus technischer Experimentierfreude, eigenständiger Gestaltung und dem Versuch, sich als vergleichsweise kleines Werk gegen die große Konkurrenz zu behaupten. Daraus entstehen einige der interessantesten deutschen Fahrzeuge der Zwischenkriegszeit. Im PS.SPEICHER sind drei dieser besonderen Fahrzeuge zu sehen: ein Stoewer S10 von 1928 sowie ein Stoewer R 140 und ein Stoewer R 150 Sport-Cabriolet von 1934.
Stoewer in Stettin: Aufstieg einer Automobilmarke

Hinter der Marke stehen die Brüder Emil und Bernhard Stoewer. Gemeinsam übernehmen sie 1899 ein Zweigwerk des väterlichen Betriebes in Stettin, der bis dahin Nähmaschinen, Fahrräder und Schreibmaschinen produziert. Noch im selben Jahr bauen sie ihr erstes eigenes Auto nach dem Entwurf von Bernhard Stoewer, der die technische Entwicklung der Marke Stoewer besonders prägt. Schon früh entstehen unter seiner Mitwirkung sehr unterschiedliche Fahrzeugtypen, vom kleineren Personenwagen bis zum großen Sechszylinder-Modell. 1916 wird das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt; Emil Stoewer wird Generaldirektor, Bernhard Stoewer technischer Direktor.
Nach dem Ersten Weltkrieg gelingt es Stoewer zunächst, schnell wieder ein modernes Typenprogramm aufzustellen. In den 1920er Jahren sichern vor allem die robusten und zuverlässigen D-Typen den Marktauftritt der Marke. Besonders die kleineren Ausführungen verkaufen sich gut, während die größeren Modelle bereits eine sportliche Note tragen. Von allen D-Typen zusammen liefert Stoewer rund 5.000 Exemplare aus.
Bernhard Stoewers Strategie: kein Massenauto, sondern etwas Besonderes
Ende der 1920er Jahre ist Bernhard Stoewer überzeugt, dass ein kleines Werk nur gegen die Konkurrenz bestehen könne, wenn es außergewöhnliche Produkte anbiete. Vor diesem Hintergrund setzt Stoewer auf große Achtzylinder-Modelle. 1928 kommen zunächst die Typen S8 und G14 auf den Markt, kurz darauf folgen die weiterentwickelten Typen S10 und G15. Diese Stoewer-Achtzylinder gehören zu den ersten serienmäßig in Deutschland gebauten Achtzylindern und zählen technisch wie gestalterisch zur Extraklasse ihrer Zeit.

Die „Stoewer 8“ zeichnen sich durch kultivierten Lauf, gute Elastizität und zahlreiche technische Feinheiten aus. Zugleich gelten sie mit ihren eleganten Karosserien, dem markanten Kühler und dem Greif als Markensymbol als besonders repräsentativ. Zeitgenössische Stimmen zählen sie zu den schönsten Wagen ihrer Epoche. Genau in diese Phase gehört auch eines der Stoewer-Fahrzeuge im PS.SPEICHER.
Wirtschaftskrise und Neuanfang: Stoewer sucht einen neuen Weg
Die Wirtschaftskrise ab Ende 1929 trifft Stoewer hart. Die Nachfrage nach Luxuswagen geht deutlich zurück, auch weitere Achtzylinder wie der kleinere Marschall oder der große Repräsentant ändern daran wenig. Technisch und formal markieren sie zwar die Vollendung der Stoewer-Achtzylinder, doch der Markt honoriert das nicht mehr.
Stoewer muss deshalb umdenken. Ende 1930 erscheint mit dem V5 ein völlig neuer Kleinwagen. Er ist der erste deutsche Serienwagen mit Frontantrieb und Schwingachsen und gehört zu den wichtigsten Attraktionen der Berliner Automobil-Ausstellung 1931. Mit ihm zeigt Stoewer erneut, wie offen die Marke für technischen Fortschritt ist.

Doch auch dieses Modell hat Probleme. Vor allem der V4-Motor läuft zu rau und zeigt sich im Alltag als unausgereift. Die Produktion muss eingeschränkt werden, die Banken verweigern weitere Kredite, und die wirtschaftliche Lage des Unternehmens verschärft sich. Emil Stoewer muss die Leitung abgeben.
Stoewer entwickelt das Konzept deshalb weiter und ersetzt den V5 1932 durch den R 140, der statt des V-Motors einen ruhigeren Reihenmotor erhält und äußerlich größer, gefälliger und geräumiger wirkt. 1933 erscheint der R 150 als technisch weiterentwickelte Ausführung mit mehr Leistung, anderem Getriebe und neuer Hinterachse; 1935 folgt mit dem R 180 der letzte und stärkste Vertreter dieser Reihe. Seine Produktion bleibt jedoch auf nur 300 Exemplare begrenzt, weil der Wagen trotz technischer Qualität zu aufwendig und damit unwirtschaftlich ist. Zusammen zeigen diese Modelle, wie Stoewer versucht, mit fortschrittlicher Technik und immer neuen Verbesserungen gegen die schwierige wirtschaftliche Lage anzukommen.
Der Einschnitt 1934: Stoewer verliert seine alte Identität
Gerade in dieser Zeit verändert sich die Firma tiefgreifend. 1934 verliert Bernhard Stoewer wegen unüberwindbarer Differenzen mit der von der NSDAP dominierten Firmenleitung seinen Einfluss auf das Werk und wechselt zu Opel. Damit scheidet die prägende technische Persönlichkeit der Marke aus dem Unternehmen aus.
Der Einschnitt zeigt sich auch in den späteren Modellen. 1934 bringt Stoewer mit dem Greif V8 noch einmal einen technisch besonderen Frontantriebs-Achtzylinder heraus, doch der Wagen erreicht trotz seiner aufwendigen Konstruktion kein größeres Ansehen. Mit den Modellen Sedina und Arkona folgen ab 1937 solide und rationell konstruierte Gebrauchsfahrzeuge. Im Vergleich zu den früheren Stoewer-Wagen treten dabei Zweckmäßigkeit und robuste Auslegung stärker in den Vordergrund.
Vom Personenwagen zur Kriegsproduktion
Ab Mitte der 1930er Jahre hält sich Stoewer zunehmend durch staatliche Aufträge über Wasser. Das Werk baut Flugmotoren, entwickelt für die Wehrmacht geländegängige Fahrzeuge und richtet seine Produktion immer stärker auf militärische Zwecke aus. Zwar entstehen Sedina und Arkona noch in beschränktem Umfang weiter, doch die zivile Automobilproduktion endet 1940 endgültig. Bis Kriegsende ist das Werk im Wesentlichen mit Wehrmacht-Kraftfahrzeugen beschäftigt.
Der Zusammenbruch 1945 bedeutet das Ende der Marke. Die Produktionsanlagen werden demontiert, die Fabrik in Stettin geht verloren und wird später von polnischer Seite anders genutzt. Stoewer als deutsche Automobilmarke erlischt.
Fazit zur Automarke Stoewer
Die Geschichte von Stoewer zeigt eine Marke, die nie auf reine Massenproduktion setzt, sondern immer wieder mit ungewöhnlichen Lösungen hervortritt. Von den großen Achtzylindern über den ersten deutschen Frontantriebs-Serienwagen bis zu den weiterentwickelten Frontantriebsmodellen der 1930er Jahre wird sichtbar, wie innovativ ein vergleichsweise kleines Werk arbeiten kann. Zugleich zeigt die Geschichte von Stoewer, wie eng technische Ambition, wirtschaftliches Risiko und politische Umbrüche miteinander verbunden sind.
Mit dem Stoewer S10, dem Stoewer R 140 und dem Stoewer R 150 Sport-Cabriolet befinden sich im PS.SPEICHER drei sehr unterschiedliche Fahrzeuge dieser Marke. Sie stammen aus verschiedenen Phasen der Stoewer-Produktion und machen die Bandbreite des Programms anschaulich.
Mit dem 1-Tagesticket – Erlebnis Fahrzeugwelten könnt ihr die Stoewer-Fahrzeuge sowie die Erlebnisausstellung und alle Sammlungen des PS.SPEICHER an einem Tag entdecken. Wer sich mehr Zeit für die zahlreichen Fahrzeuge und ihre Geschichten nehmen möchte, kann den Besuch mit dem 2-Tagesticket – Erlebnis Fahrzeugwelten entspannt auf zwei Tage verteilen.
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