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Fitzcarraldo in echt: Wie Paul Graetz sein Motorboot quer durch Afrika ziehen ließ

  • vor 6 Tagen
  • 8 Min. Lesezeit

Wenn ihr „Motorboot über Land ziehen“ hört, habt ihr direkt Klaus Kinski und einen dampfenden Amazonas-Dampfer vor Augen? Willkommen im Club! Doch lange bevor Werner Herzog Fitzcarraldo gedreht hat, gab es einen echten Menschen, der sich mit einem Boot in ähnlich wahnwitzige Abenteuer gestürzt hat: Paul Graetz.


Und genau diesem „Fitzcarraldo in echt“ widmet sich der Multivisionsvortrag von Carsten Möhle am 24. April 2026 im PS.SPEICHER in Einbeck – organisiert von den FörderFreunden PS.SPEICHER.

In diesem Artikel nehmen wir euch mit auf Graetz’ Motorboot-Expedition von 1911/12 und werfen einen Blick darauf, wie Carsten Möhle diese Geschichte heute wieder lebendig macht.


Vom Mondfahrts-Auto zum Motorboot

Bevor wir beim Boot landen, müssen wir kurz zurückspulen. 1907–1909 durchquerte Paul Graetz Afrika von Ost nach West mit einem speziell konstruierten Automobil aus den Fahrzeugwerken Gaggenau – zur damaligen Zeit so irrsinnig, dass eine Berliner Zeitung das Vorhaben mit einer Reise zum Mond verglich.


Die Route führte ihn von Dar es Salaam bis nach Swakopmund, über 9.500 Kilometer, 630 Tage, geplatzte Zylinder, eingestürzte Brücken, verdunstetes Benzin, Krankheiten und unzählige Reparaturaktionen, bei denen das Auto immer wieder komplett zerlegt und wieder zusammengesetzt werden musste.


Was auf den ersten Blick nach einer Triumphstory klingt, brachte Graetz zu einer einfachen Erkenntnis:


Afrika besteht nicht nur aus Pisten, sondern vor allem aus Flüssen, Seen, Sümpfen und Morast. Mit einem Auto ist jede Flussdurchquerung ein Kraftakt, jede Furt ein Risiko, jede Brücke ein Lotteriespiel. Nach seiner Rückkehr war Graetz klar: Wenn man diesen Kontinent wirklich „logisch“ durchqueren will, dann müsste man nicht auf vier Rädern, sondern auf dem Wasser unterwegs sein.

Aus dieser Erfahrung heraus entstand die Idee, Afrika ein zweites Mal zu durchqueren – diesmal mit einem Motorboot.


Die „Sarotti“: Ein Boot fürs Wasser – und für die Straße

Für seine Motorboot-Expedition suchte Graetz Sponsorengelder und fand sie unter anderem bei der Berliner Sarotti AG. Das Expeditionsboot wurde deshalb „Sarotti“ getauft. Gebaut wurde es von der Lürssen-Werft in Vegesack bei Bremen, entworfen von einem Schiffbauingenieur in Anlehnung an afrikanische Brandungsboote.


Die „Sarotti“ war technisch ein ziemliches Spezialteil: rund 8,20 Meter lang, etwa 1,65 Meter breit, sehr flacher Tiefgang von etwa 30 Zentimetern und eine robuste Doppelwandung aus Eichenholz mit Aluminiumschicht. Angetrieben wurde das Boot von einem Einzylinder-Rohöl- und Petroleummotor mit etwa 5 PS, gut geschützt im Rumpf, dazu Verdeck, Nebelhorn und ein Gewicht von rund 1,5 Tonnen.


Jetzt kommt der Clou: Unter dem Boot befand sich ein Zapfen, auf den Fahrzeugräder montiert werden konnten. Die „Sarotti“ war also nicht nur ein Motorboot – sie war im Notfall auch ein alles andere als handliches Gefährt auf Rädern. Genau diese Konstruktion sollte später berühmt werden.


Start in Mosambik: Mit Kamera, Crew und großen Plänen

1911 geht es los. Ausgangspunkt ist Chinde an der Mündung des Sambesi im damaligen Portugiesisch-Ostafrika, dem heutigen Mosambik. Von hier aus will Graetz mit der „Sarotti“ über Flüsse und Seen quer durch Afrika bis zum Kongo fahren – vom Indischen Ozean zum Atlantik.


Mit an Bord: Expeditionsteilnehmer, einheimische Mannschaft, Ausrüstung – und der französische Kameramann Octave Fieres, der die Reise auf Zelluloid festhalten soll. Die Filmbilder, die dabei entstehen, gehören später zu den frühesten filmischen Dokumenten aus Zentralafrika.


Die Route führt zunächst flussaufwärts über Sambesi und Shire, dann über den Malawisee nach Norden. Schon dieser Teil ist alles andere als eine gemütliche Kreuzfahrt: Sandbänke, Stromschnellen, Untiefen, tropische Hitze, Malaria-Risiko – und der ständige Spagat zwischen europäischer Expeditionsplanung und lokalen Realitäten.


240 Kilometer Wahnsinn: Die „Sarotti“ auf der Stevenson Road

Am Nordende des Malawisees ist plötzlich Schluss mit Wasser. Hier beginnt die Wasserscheide Richtung Tanganjikasee – und die legendäre Stevenson Road, eine im späten 19. Jahrhundert von schottischen Missionaren und Handelsgesellschaften angelegte Piste, die die beiden Seen miteinander verbinden sollte.


Für Graetz und sein Team bedeutet das: 240 Kilometer über Land – mit einem Motorboot!

Die „Sarotti“ wird in Sektionen zerlegt, auf Räder gesetzt und mit Hilfe von rund 60 Trägern und Helfern über Hügel, durch Sumpf und Buschlandschaft gezogen.


Stellt euch das für einen Moment bildlich vor: Ein schweres Motorboot wuchtet sich wie ein gestrandeter Wal über rote Erde, vorbei an Dörfern, über primitive Brücken, durch Matsch und Steine. Kein Special-Effects-Team, keine Greenscreen-Technik, sondern echte körperliche Arbeit, Tag für Tag.


Die Stevenson Road selbst ist dabei schon ein eigenes Kapitel Kolonialgeschichte: Sie wurde ursprünglich gebaut, um die Handelsrouten zwischen Malawisee und Tanganjikasee zu kontrollieren und den Zugang ins Landesinnere zu erleichtern – ein Projekt, das Mission, Handel und Machtpolitik eng miteinander verknüpfte. Für die Expedition ist sie vor allem eines: ein brutaler Härtetest für alle Beteiligten.


Büffel, Filmkamera und ein Gürtel als Kiefer-Schiene

Als wäre die Schleppaktion nicht schon dramatisch genug, erlebt die Expedition auf der weiteren Route eine Reihe tragischer und verstörender Ereignisse.


Besonders bekannt geworden ist der tragische Büffelvorfall: Bei einem Jagdmanöver wird ein Büffel angeschossen, dreht den Spieß um – und verletzt mehrere Mitglieder der Expedition schwer. Der Kameramann Octave Fieres kommt ums Leben. Paul Graetz selbst erleidet schwere Kopf- und Kieferverletzungen; sein Kiefer ist teilweise zertrümmert. Mangels medizinischer Versorgung stabilisiert er ihn notdürftig mit einem Gürtel, den er sich fest um Kopf und Kiefer legt.


Trotzdem setzt er die Reise fort. Allein diese Episode zeigt, in welcher Grauzone zwischen Abenteuerlust, Selbstüberschätzung und Lebensgefahr sich solche Expeditionen damals bewegten.


Die Filmrollen überstehen den Angriff – und werden Jahrzehnte später zu einem historischen Schatz. 2007 stößt Carsten Möhle bei seinen aufwändigen Recherchen im Keller des ehemaligen Hauses von Paul Graetz in Lübeck-Travemünde gemeinsam mit dessen Tochter Uta Graetz-Africana auf eine alte Filmrolle mit dem Expeditionsmaterial. Die Aufnahmen zeigen Flusslandschaften, Dörfer, Trägerkolonnen, das Boot auf Rädern, Alltagszenen und Naturaufnahmen. Sie gelten als einige der frühesten Filmaufnahmen aus Zentralafrika und sind heute in einem wissenschaftlichen Archiv gesichert.


Wenn das Expeditionsboot untergeht – und die Idee trotzdem bleibt

Die „Sarotti“ kämpft sich weiter durch Sümpfe und Flüsse, vorbei am Bangweulusee, der damals als eine Art afrikanisches „Loch Ness“ galt, umgeben von schwer zugänglichen Sumpfgebieten.


Schließlich erreicht die Expedition den Luapula, jenen Fluss, der heute die Grenze zwischen Sambia und der DR Kongo bildet. Genau hier trifft Graetz auf Behördenauflagen: Er erhält keine Genehmigung, mit seiner Mannschaft weiter durch ein Gebiet vorzustoßen, das als Tsetsefliegen-Zone gilt.


Graetz muss umkehren und überlässt die „Sarotti“ der Aufsicht eines lokalen Chiefs an den Stromschnellen von Chunga. Zurück in Deutschland hält er Vorträge mit handkolorierten Dias und einer ersten Schnittfassung seines Films, um Geld für einen zweiten Versuch zu sammeln.


Als 1912 die Nachricht eintrifft, dass die „Sarotti“ bei Kasenga gesunken ist, ist das einerseits das Ende dieses Bootes – aber nicht das Ende der Idee.


Graetz gibt nicht auf. Ein zweites Boot, die „Hygiama“, kommt zum Einsatz. Diesmal nähert er sich von Westen her über den Kongo. Wieder kämpft er mit Bürokratie, Stromschnellen und Logistik, doch im Dezember 1912 erreicht er den Punkt, an dem die „Sarotti“ untergegangen war. Damit ist sein Ziel erreicht: Die motorisierte Durchquerung Afrikas per Boot – wenn auch in zwei Anläufen und mit zwei verschiedenen Booten.


Beide Boote sind am Ende verloren, aber die Idee hat sich durchgesetzt. Paul Graetz erzählt die Expedition später ausführlich in seinem zweiteiligen Reisebericht „Im Motorboot quer durch Afrika“, dessen erster Band 1912 unter dem Untertitel „Vom Indischen Ozean zum Kongo“, der zweite 1913 als „Durch den Kongo und Neu-Kamerun“ im Berliner Verlag Braunbeck & Gutenberg erscheint. Die Bücher basieren auf seinen Tagebuch- und Logbucheinträgen sowie den Lichtbildvorträgen, mit denen er nach der Rückkehr durch Deutschland tourt, und gelten bis heute – zusammen mit den wiederentdeckten Filmaufnahmen – als wichtigste schriftliche Quelle zur Motorboot-Expedition. Genau auf diesem Fundament setzen moderne Forschungen und Spurensuchen an, zu denen auch die Recherchen von Carsten Möhle gehören, der die Route vor Ort nachverfolgt und die Geschichte im PS.SPEICHER wieder lebendig macht.


Carsten Möhle: Der Mann, der Graetz immer wieder lebendig macht



An dieser Stelle kommt derjenige ins Spiel, der euch im PS.SPEICHER durch diese Geschichte führt: Carsten Möhle. Geboren 1964 in Schleswig-Holstein, lebt er seit den 1990er-Jahren überwiegend in Namibia und leitet von dort aus sein Safari-Unternehmen Bwana Tucke-Tucke. Auf seiner Webseite www.bwana.de reist ihr mit ihm virtuell schon einmal durch Namibia, Botswana oder Sambia, bevor ihr überhaupt das Flugzeug besteigt – als Selbstfahrer oder in kleinen Gruppen, immer mit einem gewissen Hang zu besonderen Routen und Geschichten.


Möhle kennt die Graetz-Routen nicht nur aus Büchern, sondern aus eigener Erfahrung: Er hat die Autostrecke von Daressalam nach Swakopmund mehrfach mit Reisegruppen nachgefahren, sich seit vielen Jahren intensiv mit den Afrikaquerungen beschäftigt und dafür Archive durchforstet, Nachfahren kontaktiert und alte Quellen ausgegraben. Auf seiner dafür angelegten Projektseite www.paulgraetz.de sammelt er heute Originaltexte, Faksimiles, Literaturhinweise und eigene Hintergrundartikel rund um Paul Graetz – viele der leicht zugänglichen Informationen zu den Expeditionen findet ihr überhaupt erst, weil er sie recherchiert, zusammengestellt und online gestellt hat.


Ein Höhepunkt dieser Spurensuche war 2007 der Fund der lange verschollenen Filmrolle zur Motorboot-Expedition: Im Keller des früheren Hauses von Paul Graetz in Lübeck-Travemünde stieß Möhle gemeinsam mit Graetz’ Tochter Uta Graetz-Africana auf das Stummfilmmaterial, das heute als eines der wichtigsten filmischen Zeugnisse der Reise gilt. Die Bilder aus dem frühen 20. Jahrhundert hat er aufbereiten und sichern lassen und mit eigenen aktuellen Aufnahmen kombiniert – von Flussläufen, der Stevenson Road und Orten, an denen einst die Boote gezogen, getragen oder aufgegeben wurden.


Seine Vorträge sind deshalb weit mehr als historische Referate. Sie verbinden Archivmaterial, wiederentdeckte Filme und alte Dias mit Abenteuerberichten, persönlicher Recherche vor Ort und einer klaren, kritischen Haltung zur kolonialen Geschichte. Dazu kommt ein trockener Humor, der sich gerne auch selbst auf die Schippe nimmt. Für seinen Abend im PS.SPEICHER geht es ihm darum, die Geschichte von Paul Graetz sichtbar zu machen, Interesse an den frühen Expeditionen zu wecken und euch für diese eigenwillige Mischung aus Technik, Wagemut und Zeitgeschichte zu begeistern. Wenn ihr danach noch tiefer einsteigen möchtet, findet ihr auf www.paulgraetz.de und www.bwana.de genug Stoff für viele weitere gedankliche Reisen quer durch Afrika.


Fitzcarraldo, aber echt – und warum das gut zum PS.SPEICHER passt

Wer einen dampfenden Flussdampfer über einen Berg ziehen lässt, landet zwangsläufig in der Nähe von Fitzcarraldo. Werner Herzogs Filmklassiker mit Klaus Kinski erzählt von einem besessenen Opernliebhaber, der sein Schiff über einen Hügel im peruanischen Regenwald schleppen lässt, um an eine andere Flussstrecke zu kommen.


Auf der Website zu Paul Graetz’ Expedition wird augenzwinkernd daran erinnert: Während Fitzcarraldo reine Fiktion ist, waren Graetz und seine Motorboot-Schlepperei bittere Realität.


Wenn ihr bei Carsten Möhles Vortrag im PS.SPEICHER sitzt, die Bilder der „Sarotti“ auf Rädern seht und dazu die Geschichten von Sumpf, Büffelattacken und improvisierten Kieferschienen hört, ist der Gedanke an Kinski & Co. ziemlich naheliegend. Nur dass hier kein Filmteam nach Drehschluss zum Catering geht – die Menschen damals hatten keine zweite Chance und kein „Cut!“.


Vielleicht denkt ihr am Ende des Abends genau das, was viele nach „Fitzcarraldo“ gedacht haben – nur eben mit historischem Boden unter den Füßen: „Das kann man sich doch gar nicht ausdenken.“ Oder, um es mit einem Augenzwinkern zu sagen: ein bisschen Fitzcarraldo, ein Hauch Wahnsinn – kurz: „Fitzcaracho“.


Warum sich der Abend im PS.SPEICHER für euch lohnt

Der Motorboot-Vortrag ist die perfekte Fortsetzung zu Carsten Möhles erstem Besuch im PS.SPEICHER, bei dem ihr bereits die Automobil-Querung von 1907–1909 kennenlernen konntet. Diesmal geht es noch tiefer in die Frage hinein, welche Rolle Technik damals spielte – und wie sehr Menschen, Landschaften und politische Rahmenbedingungen diese Expedition geprägt haben.


Der PS.SPEICHER in Einbeck ist als Erlebnismuseum rund um die Geschichte der Mobilität genau der richtige Ort dafür: Zwischen historischen Autos, Motorrädern, Kleinwagen und Nutzfahrzeugen bekommt ihr den größeren Rahmen, in den sich Graetz’ Abenteuer einordnen lässt – vom frühen Automobil über die Pionierzeit der Motorboote bis hin zu heutigen Reisemobilen und Expeditionsfahrzeugen.


Dass die FörderFreunde PS.SPEICHER den Abend veranstalten, passt ebenfalls gut: Ihr Engagement sorgt dafür, dass solche Geschichten nicht im Archiv verschwinden, sondern lebendig erzählt werden – mit Originaldias, historischen Filmen und aktuellen Bildern direkt von der Strecke.


Ein Abend zwischen Archiv, Abenteuer und Augenzwinkern

„Im Motorboot quer durch Afrika“ klingt heute nach einem kuriosen Buchtitel, fast nach einem schrägen Reiseroman. Hinter diesem Satz steckt aber eine der außergewöhnlichsten Expeditionen der frühen Motorzeit: ein Boot, das auf Rädern über eine koloniale Handelsstraße gezerrt wird, eine Crew zwischen Pioniergeist und Lebensgefahr, ein Filmteam, das Geschichte schreibt – und ein Abenteurer, der einfach nicht aufhören konnte, Grenzen auszutesten.


Carsten Möhle holt diese Geschichte in seinem Multivisionsvortrag zurück auf die Bühne – mit Humor, Tiefgang und vielen Bildern, die ihr sonst nirgendwo zu sehen bekommt. Wenn ihr euch für alte Technik, verrückte Expeditionen, Afrika-Geschichten oder einfach gute Storys interessiert, ist dieser Abend in der PS.Halle ein ziemlich sicherer Treffer.


Alle Infos zum Museum, zu Tickets und weiteren Veranstaltungen findet ihr auf der Website des PS.SPEICHER. Und wenn ihr dafür sorgen wollt, dass solche besonderen Abende auch in Zukunft stattfinden können, lohnt sich ein Blick zu den FörderFreunden PS.SPEICHER – vielleicht werdet ihr ja selbst Teil der Community, die diese Geschichten am Laufen hält.


 
 
 

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