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Mit dem Motorboot quer durch Afrika – und ihr mitten drin - Multivisionsvortrag mit Carsten Möhle im PS.SPEICHER am 24.04.2026

  • 11. Feb.
  • 7 Min. Lesezeit
Paul Graetz

Mit dem Motorboot quer durch Afrika – und ihr mitten drin

Wer sich heute eine „abenteuerliche Reise“ vornimmt, bucht vielleicht Offroad-Touren, Safaris oder eine Flussfahrt im Sonnenuntergang. Vor gut 100 Jahren sah das ein bisschen anders aus. Da kam jemand wie Paul Graetz auf die Idee, nicht nur mit dem Automobil quer durch Afrika zu fahren, sondern den Kontinent auch noch mit einem Motorboot zu durchqueren. Klingt nach einem leicht überdrehten Plan? Ganz genau deswegen reden wir heute noch darüber.


Am 24. April 2026 holt euch der Afrika-Reisespezialist Carsten Möhle im PS.SPEICHER in Einbeck genau in diese Zeit zurück. In seinem Multivisionsvortrag „Paul Graetz’ Expedition mit dem Motorboot quer durch Afrika – 1911 bis 1912 und heute“ nimmt er euch mit an Flüsse, Seen, Stromschnellen und auf eine legendäre Piste: die Stevenson Road.


Rückblick: Als der PS.SPEICHER schon einmal quer durch Afrika unterwegs war

Vielleicht wart ihr im Februar 2025 schon dabei, als Carsten Möhle im PS.SPEICHER von der ersten großen Afrikaquerung mit dem Automobil berichtete. Damals ging es um Paul Graetz’ Fahrt von 1907 bis 1909, als er in einem eigens für ihn gebauten 35-PS-Wagen der Süddeutschen Automobilfabrik Gaggenau – einem Vorgängerbetrieb des heutigen Mercedes-Benz-Werks in Gaggenau – durch ein Afrika fuhr, in dem Straßen oft mehr Idee als Realität waren.


Die Motorbootgeschichte ist trotzdem keine reine Spinnerei nach dem Motto „Was machen wir als Nächstes?“, sondern fast schon die logische Fortsetzung dessen, was Graetz auf seiner ersten Reise erlebt hatte. Beim ersten Autovortrag im PS.SPEICHER wurde schnell klar, wie sehr Graetz damals die vielen Fluss- und Seenquerungen zermürbt hatten: jedes Mal Rampen bauen, Furten suchen, improvisierte Fähren organisieren, das Auto auseinander nehmen, verladen, wieder abladen – ein ewiger Kampf mit dem Wasser. Spätestens da reifte die Erkenntnis, dass man in Afrika auf vielen Etappen eigentlich besser mit einem Boot als mit vier Rädern unterwegs wäre. In seinen späteren Beschreibungen schreibt Graetz dann auch von der Idee, die weitgehend unbekannten Fluss- und Seensysteme des Kontinents mit einem Motorboot zu erkunden – ein Gedanke, der ihn „gefangen hielt wie eine Melodie“ und schließlich zur zweiten Expedition von 1911/12 führte.


Die Idee: Zwei Boote, ein Kontinent und sehr viele Fragezeichen

Die Grundidee klingt in einem Satz fast romantisch: vom Indischen Ozean zum Atlantik, so weit wie möglich über Flüsse und Seen. In der Realität sah das nach viel Schweiß, Improvisation und Nerven aus Stahl aus. Graetz ließ eigens Spezialboote bauen, die „Sarotti“ und später die „Hygiama“. Die „Sarotti“ war ein Motorboot, das sich nicht nur auf dem Wasser, sondern zur Not auch in transportable Teile zerlegen ließ. Sponsoren, Werften, Filmkameras – das Ganze war eine Art frühe Mischung aus Expedition, Technikshow und Medienereignis.


Los ging es 1911 an der Ostküste Afrikas. Die Route führte über den Sambesi, den Shire und den Malawisee weiter ins Landesinnere. Mit an Bord war der französische Kameramann Octave Fieres, der die Reise auf Film festhalten sollte. Man kann sich gut vorstellen, wie exotisch das damals gewirkt haben muss: ein Motorboot auf einem afrikanischen See, ein Filmteam an Deck und ein Expeditionsleiter, der fest entschlossen war, Afrika mit einem technischen Symbol der Moderne zu „erobern“.


Die Stevenson Road: Wenn ein Motorboot plötzlich Straßenfahrzeug wird

Der Moment, an dem aus einer waghalsigen Idee ein fast absurdes Unterfangen wurde, kam an der Stevenson Road. Auf der Karte verbindet diese Route den Norden des Malawisees mit dem Tanganjikasee. In der Realität war sie Anfang des 20. Jahrhunderts eine schwere Piste voller Steigungen, Schluchten, Schlamm und Staub. Genau dort musste die „Sarotti“ hinüber, wenn Graetz seinen Plan weiterverfolgen wollte.


Also setzte er das Boot auf Fahrzeugräder, organisierte dutzende Träger und Helfer und zog das Motorboot über rund 240 Kilometer durchs Land. Tag für Tag kämpften sich Graetz und sein Team vorwärts. Aus einer Bootsexpedition wurde eine Art rollender Wahnsinn: ein Motorboot, das wie ein überdimensionierter Handwagen durch den Busch geschleppt wird. Die Szene erinnert fast an einen Drehbuchentwurf, nur dass hier kein Regisseur „Cut!“ rufen konnte.


Für alle, die sich beim Einparken mit Anhänger schon im roten Bereich fühlen: Diese Expedition war das Level „Hardcore“ – lange bevor der Begriff erfunden wurde.


Drama im Busch: Büffel, Verletzungen und ein Gürtel als Notlösung

Als ob Schleppen, Schieben und Zerren des Bootes nicht genug gewesen wären, kam es unterwegs zu einem tragischen Unglück. Bei einem Büffelkampf verlor Kameramann Octave Fieres sein Leben. Graetz selbst erlitt schwere Kopf- und Kieferverletzungen. Ein normaler Mensch wäre an diesem Punkt wahrscheinlich ausgestiegen, buchstäblich wie im übertragenen Sinne.


Graetz hingegen behelft sich mit dem, was er hatte: Er stabilisierte seinen zertrümmerten Kiefer notdürftig mit einem Gürtel und schleppte sich zur nächsten medizinischen Hilfe. Allein diese Episode zeigt, wie extrem diese Unternehmung war – körperlich, mental und emotional. Nach einer Genesungsphase setzte Graetz die Reise fort, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.

Für uns heute wirkt das wie eine Mischung aus Abenteuerroman, Medizinhistorie und „bitte nicht nachmachen“. Genau dieser Zwiespalt macht die Geschichte so spannend: Auf der einen Seite Pioniergeist und technische Neugier, auf der anderen Seite ein riskantes Spiel mit Grenzen und Abhängigkeiten von Menschen und Strukturen vor Ort.


Wenn Boote versinken und Ziele trotzdem erreicht werden

Die Expedition mit der „Sarotti“ erreichte irgendwann ihre Grenze: Stromschnellen, Katarakte, logistische Hürden und fehlende Genehmigungen stoppten das Team am Luapula. Die „Sarotti“ blieb vor Ort zurück, Graetz kehrte nach Deutschland zurück – und dann kam die Nachricht, dass das Boot gesunken war. Damit war der erste Versuch, Afrika gewissermaßen „am Stück“ per Motorboot zu durchqueren, gescheitert.


Für Graetz war das allerdings eher ein Zwischenstand als ein Abschluss. Er organisierte einen zweiten Anlauf mit einem weiteren Boot, der „Hygiama“, und erreichte 1912 schließlich die Region, in der die „Sarotti“ untergegangen war. Damit hatte er sein Ziel auf Umwegen doch noch erreicht: eine Afrikaquerung mit Motorbooten, verteilt auf mehrere Etappen und begleitet von enormem Aufwand.


Seine Erlebnisse veröffentlichte Graetz später in Reiseberichten, in denen er die Route, die technischen Herausforderungen und viele kleine Episoden festhielt. Was uns heute daran fasziniert, ist nicht nur die Tatsache, dass diese Expeditionen überhaupt stattfanden, sondern wie sie die Vorstellungen von Mobilität in ihrer Zeit geprägt haben.


Kino aus dem Urwald: Die frühen Filmbilder der Expedition

Besonders spannend ist die mediale Seite der Geschichte. Octave Fieres drehte unterwegs umfangreiches Filmmaterial. Man muss sich das vorstellen: Filmrollen im Tropenklima, improvisierte Entwicklung mit Chemikalien, lange Transportwege ohne moderne Klimakisten. Viele dieser Aufnahmen galten später als verschollen, wurden aber im 20. Jahrhundert wiederentdeckt und gesichert.


Heute sind diese Bilder ein seltenes Fenster in eine vergangene Welt – und gleichzeitig ein Spiegel dafür, wie Expeditionen inszeniert wurden. Im Multivisionsvortrag im PS.SPEICHER verbindet Carsten Möhle Ausschnitte aus diesem historischen Material mit handkolorierten Dias und eigenen Fotos seiner Reisen auf den Spuren von Graetz. So entsteht keine trockene Geschichtsstunde, sondern eine Art Zeitreise, bei der ihr das Gefühl habt, gleich selbst an Bord zu steigen.


Wer ist der Mann, der diese Geschichte weiterträgt?


Carsten Möhle mit Brille und im beigen Safarihemd im Porträt fotografiert
Carsten Möhle - Afrikakenner

Spätestens an dieser Stelle wird klar: Damit dieser Abend wirklich lebendig wird, braucht es jemanden, der nicht nur Fakten herunterbetet, sondern die Geschichte durchdrungen hat und sie mit Leidenschaft erzählt. Genau da kommt Carsten Möhle ins Spiel.


Möhle ist Afrika-Reisespezialist, Gründer von Bwana Tucke-Tucke und seit Jahrzehnten im südlichen Afrika unterwegs. Er organisiert Safaris, Expeditionen, Sonderreisen und bewegt sich mit seinen Gästen gern abseits der üblichen Trampelpfade. Vor allem aber hat er ein Faible für die etwas „schrägen“ historischen Figuren – und Paul Graetz gehört eindeutig dazu.


Er hat Teile der historischen Route selbst bereist, Orte wie die Stevenson Road, alte Missionsstationen oder Flussabschnitte aufgesucht und mit lokalen Geschichten und Perspektiven verknüpft. Dabei geht es ihm nicht darum, Graetz auf ein Podest zu stellen, sondern ihn als Kind seiner Zeit zu zeigen: als Abenteurer mit Mut, Ego, Widersprüchen und einer gehörigen Portion Dickköpfigkeit. Dass Möhle nebenbei auch eigene, wunderbar absurde Reiseanekdoten mitbringt – etwa die Fahrt mit einer selbstgebauten schwimmenden „Schrankwand“ auf dem Kongo – macht den Abend zusätzlich unterhaltsam.


Warum diese Geschichte perfekt in den PS.SPEICHER passt

Vielleicht fragt ihr euch: Was hat ein Motorboot mitten in Afrika mit einem Oldtimer- und Erlebnismuseum in Einbeck zu tun? Die Antwort liegt im Blick auf Mobilität, den der PS.SPEICHER einnimmt. Hier geht es nicht nur um glänzende Karosserien und Datenblätter. Es geht darum, wie Menschen seit über 200 Jahren auf Ideen kommen, mit Fahrzeugen Grenzen zu verschieben – geografisch, technisch und gesellschaftlich.


Paul Graetz ist dafür ein Beispiel mit vielen Facetten. Seine Expeditionen stehen für die Faszination, die von neuer Technik ausgeht, aber auch für die Ambivalenz solcher Unternehmungen in kolonialen Kontexten. Im PS.SPEICHER werden solche Geschichten nicht unkritisch gefeiert, sondern eingeordnet und in größere Zusammenhänge gestellt. Genau an dieser Stelle wird der Multivisionsvortrag spannend: Ihr erfahrt nicht nur, wie viele PS das Boot hatte, sondern auch, was diese Expedition für die Menschen und Regionen bedeutete, durch die sie führte.


Wenn ihr euch einen Eindruck davon verschaffen möchtet, wie breit das Spektrum des Hauses ist, lohnt sich ein Blick auf die Website des PS.SPEICHER in Einbeck. Dort findet ihr neben der Erlebnisausstellung auch Informationen zu Sammlungen, Sonderausstellungen und weiteren Veranstaltungen.


Die Rolle der FörderFreunde: Ohne Engagement kein Expeditionsabend

Dass Abende wie dieser stattfinden, ist auch dem Engagement der FörderFreunde PS.SPEICHER zu verdanken. Der Verein unterstützt den PS.SPEICHER ideell und finanziell, ermöglicht besondere Vorträge, Veranstaltungen und Projekte und trägt dazu bei, dass Mobilitätsgeschichte lebendig bleibt – im Museum, auf der Straße und in den Köpfen der Besucherinnen und Besucher.


Wenn ihr neugierig geworden seid, wie ihr selbst Teil dieser Community werden könnt, lohnt sich ein Blick auf die Seite der FörderFreunde. Dort erfahrt ihr, wie ihr mit einer Mitgliedschaft oder ehrenaktiver Unterstützung dazu beitragen könnt, dass solche Themen weiterhin auf die Bühne kommen – vom Motorboot quer durch Afrika bis zur nächsten verrückten, spannenden oder berührenden Geschichte rund um Mobilität.


Warum ihr euch den 24. April 2026 freihalten solltet

Am Ende bleibt die Frage: Lohnt sich dieser Abend für euch? Wenn ihr Spaß an guten Geschichten habt, gerne erfahrt, wie Technik und Abenteuer zusammenhängen, und neugierig seid, wie man historische Expeditionen heute erzählen kann, dann ist die Antwort ziemlich eindeutig.


Ihr bekommt eine Expedition, die so verrückt wirkt, dass sie auch aus einem modernen Drehbuch stammen könnte – nur eben echt. Ihr erlebt historische Fotos, Filmausschnitte und aktuelle Bilder, die Vergangenheit und Gegenwart verbinden. Ihr hört von Erfolgen, Rückschlägen, tragischen Momenten und Improvisationen am Limit. Und ihr trefft einen Referenten, der diese längst vergangene Geschichte nicht für ein akademisches Seminar aufbereitet, sondern für euch, das Publikum im PS.SPEICHER, das sich gern mit einem Augenzwinkern auf historische Abenteuer einlässt.


Wenn ihr also Lust habt, euch für einen Abend an die Ufer von Sambesi, Malawisee und Kongo entführen zu lassen, dann merkt euch den Termin: 24. April 2026, 19 Uhr, PS.SPEICHER Einbeck, Multivisionsvortrag mit Carsten Möhle. Schaut für Tickets und weitere Infos direkt auf der Seite des PS.SPEICHER oder bei den FörderFreunden PS.SPEICHER.


Und vielleicht sitzt ihr nach dem Vortrag auf dem Rückweg im Auto, werft einen Blick auf den nächsten Fluss und habt plötzlich Bilder von einem Dampfer, der irgendwo im Urwald einen Berg hinaufgezogen wird, im Kopf. Ja, ein bisschen „Fitzcarraldo“ steckt in dieser Geschichte auch. Nur geht es an diesem Abend nicht ganz so kinski-wütend zu, sondern eher „fitzcaracho“: herrlich schräg zum Staunen – aber gemütlich vom Museumssitz aus statt mit Gürtelverband und Motorboot im Schlamm.


 
 
 

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