Motoraver zog ein – Autopunk, Anekdoten und Augenzwinkern im Rückspiegel
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Am 2. Oktober 2025 verwandelte sich die PS.Halle in Einbeck in eine Bühne für gelebte Schrauberkultur. Zwei Motoraver-Kultkarren, ein 76er Ford Granada 2,8 V6 und ein Mercedes W123 Coupé 450 V8, standen auf der Bühne und wurden offiziell in die Sammlung AUTOMOBIL des PS.SPEICHER aufgenommen – dort zu sehen bis Ende März 2026.
Durch den Abend führte Helge Thomsen, flankiert von Klaus Merz – Fotograf mit feinem Radar für Szene-Atmosphäre – und Norman Gocke, der als Redakteur von „damals“, heutiger Redakteur von OLDTIMER Markt und Chefredakteur der American Classics das witzige Gedächtnis der Runde beisteuerte. Möglich gemacht wurde die Veranstaltung von den engagierten FörderFreunden PS.SPEICHER.
Helge Thomsen moderierte ohne Podest-Distanz, legte Anekdoten auf wie frisch polierte Radkappen und verband Improvisation an der Hebebühne mit nächtlichen Stadtausfahrten. Mit einem Lachen zog er die Bilanz für die eigene Vergangenheit: „Die späten 90er? Sagen wir so: Vieles war laut, schnell – und ein bisschen neblig.“
Zugleich relativierte Helge direkt dieses Image, denn er mag bis heute hervorragend erhaltene Oldtimer – mit oder ohne Patina. Die Motoraver-Autos sind „eine andere Baustelle“, Ausdruck einer Haltung, nicht Abwertung klassischer Originalität. Insgesamt ist und bleibt er ein Autonarr, der die gesamte Fahrzeugpalette schätzt, wie sie der PS.SPEICHER im Museum und in den Sammlungen zeigt. Diese Bandbreite gilt als entscheidender Hebel, um jüngere Menschen für historische Fahrzeuge zu begeistern – die Szene ist jahrgangsmäßig in die Jahre gekommen, Nachwuchs wird gebraucht, vielfältige Zugänge helfen.
Norman Gocke übernahm zwischendurch die Rolle des Chronisten mit Timing. Trocken-pointiert und präzise holte er Episoden aus den späten 90ern und frühen 2000ern hervor: spontane Schrauberaktionen, redaktionelle Grenzfahrten, Begegnungen zwischen US-Car-Mythos und deutscher Parkhausrealität. Immer wieder tauchten Details auf, die Helge augenzwinkernd kommentierte – manches war ihm damals schlicht entgangen. Gocke balancierte mit Erlebtem, setzte die Szene in Relation zu dem, was im Heft und hinter der Kamera passierte: Erinnerungen wurden poliert, aber nicht glattgezogen.
Klaus Merz steuerte die Bildatmosphäre bei, die Motoraver von Beginn an geprägt hatte – Stadtlicht statt Studioleuchte, Patina statt Perfektionsfilter – und öffnete zugleich den Vorhang für die spaßigen Hintergründe mancher ikonischen Fotos. Eine dieser Geschichten betraf das bekannte Motoraver-Buchcover, das erst in der zweiten Runde gelang: Beim ersten Versuch waren die Spiegel der Spiegelreflexkamera minimal verstellt, die Serie blieb arg unscharf. Also wurde die Szene erneut auf derselben Stadtstraße nachgestellt – zwei US-Cars im Heckblick, Model mittig mit erhobenen Armen, Abendlicht auf Asphalt, Industriekonturen im Hintergrund. Vor den Reifen lagen alte Reifengummi-Beschleunigungsstreifen wie dunkle Pinselzüge.

Genau da hielt ein Streifenwagen. Sachliche Frage: Ob die markanten Spuren eben erst entstanden seien? Die Antwort blieb trocken: Die Streifen seien schon dagewesen, waren sie ja auch von dem Shooting tags(nachts!)zuvor. Nachprüfbar wäre alles gewesen – Profilabstände, Abriebverlauf, frischer Gummi gegen keinen vorhandenen Altspuren. Doch die Beamten hatten offenkundig wenig Lust, dieses kuriose Set-up weiter zu verfolgen; ein ordentlicher Polizeibericht hätte wohl lange gedauert und hätte so extrem schräg geklungen, dass man lieber sämtliche (und noch mehr) Augen zudrückte. Ein kurzer Blick, ein knappes Nicken – und der Abend gehörte wieder dem Bild. Die zweite Serie saß: Schärfe auf dem Model, klare Kanten an den Heckpartien, die Gummistreifen als grafische Bühne. Merz zeigte das knappe Nicken, das in dieser Welt als Freudentanz gilt – Treffer.
Die beiden Fahrzeuge setzten den Ton und erzählten die Motoraver-Haltung aus zwei Blickwinkeln.
Der Ford Granada 2 TL, 2,8 V6 (1976) gab den Großstadtkreuzer mit Haltung – Umbau als Ausdruck, nicht als Ausnahmegenehmigung; Leistung erschien weniger als Zahl, mehr als Charakterzug.
Das Mercedes W123 Coupé 450 V8 (1978) trug seine Geschichte mit einem Extra-Augenaufschlag: Die Erzählung startete mit einer augenzwinkernden Legende, dieses Coupé sei in den 70ern als Kripo-Dienstwagen in wilden RAF-Verfolgungsjagden unterwegs gewesen – offenkundig klar fiktiv, eher eine Szene-Pointe als Historie. Genau so funktionieren „Fake Facts“: Wird eine Story nur oft genug kolportiert, bekommt sie Patina, so auch hier. Der reale Ursprung des Auftritts lag sichtbar vorn: Der Luftfilter thronte pragmatisch über dem V8, wofür ein sauberes Loch in die Haube geflext wurde – nach oben ist an frischer Luft bekanntlich am meisten Platz. Der Bruch, der die Pointe rund machte: Trotz dieses klaren Umbaus trägt das Coupé ein H-Kennzeichen.
Am Ende bleibt das Gefühl, dass die Motoraver-Szene, Autokultur lebt – mitsamt Ecken, Kanten und dem Nebel vergangener Nächte. Die beiden Fahrzeuge kann man nun bis Ende März 2026 als fahrende Thesen in der Sammlung Automobil bewundern: nicht makellos, aber sinnfällig. Und die Mischung aus Helges Selbstironie, Gockes Erinnerungswitz und Merz’ Bildsprache öffnet Perspektiven – auch für die nächste Generation.
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• Sammlung Automobil – die beiden Motoraver-Fahrzeuge sind dort bis Ende März 2026 zu sehen
• FörderFreunde PS.SPEICHER – engagiert für automobile Kultur




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