Simson Geschichte: Vom Waffengewerbe zur AWO 425
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Bei Simson denken viele zuerst an Schwalbe, S51 oder AWO 425. Die Simson Geschichte beginnt jedoch deutlich früher. Das Unternehmen entsteht im Umfeld des traditionsreichen Waffengewerbes in Suhl, baut später Fahrräder, steigt in den Automobilbau ein und wird erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem prägenden Motorradhersteller.
Der Betrieb überdauerte fünf politische Systeme und erlebte dabei zahlreiche Eigentümerwechsel, Umbenennungen und Umstrukturierungen. Seine Geschichte ist geprägt von Brüchen und großer Anpassungsfähigkeit. Einige Stationen dieser Entwicklung lassen sich auch im PS.SPEICHER über die ausgestellten Simson-Fahrzeuge nachverfolgen.
Simsons frühe Jahre: Waffen, Fahrräder, Autos
Die Simson Geschichte geht auf die deutsch-jüdische Familie Simson zurück. Löb und Moses Simson bauen das Handelsgeschäft der Familie im 19. Jahrhundert aus und steigen 1856 in das Suhler Waffengewerbe ein. Zunächst fertigt Simson & Co Gewehrteile, ab 1880 auch Jagdwaffen. Später wird das Produktionsprogramm erweitert: Ab 1896 baut Simson Fahrräder, ab 1908 auch Automobile.
Vor allem die Fahrradproduktion entwickelt sich erfolgreich. Im Automobilbau fehlt zunächst das Know-how, erst durch die Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Konstrukteur Paul Henze gelingt auch dort der Durchbruch: 1911 kommt mit dem Simson A ein leistungsstarkes Modell auf den Markt. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs verlagert sich der Schwerpunkt jedoch wieder auf die Waffenproduktion.
Nach dem Krieg erhält Simson ein Monopol auf die Ausrüstung der Reichswehr mit Handfeuerwaffen. Trotzdem werden auch weiterhin zivile Produkte gefertigt, darunter Fahrräder und Kinderwagen. Im Automobilbau etabliert sich Simson inzwischen mit großen, repräsentativen Modellen wie dem 1924 vorgestellten Simson Supra. Als die Nachfrage nach großen Automobilen Ende der 1920er Jahre zurückgeht, endet der Automobilbau bei Simson 1934.
Enteignung und Umbenennung in der NS-Zeit
Mit dem Machtzuwachs der Nationalsozialisten gerät die jüdische Eigentümerfamilie Simson zunehmend unter Druck und ist antisemitischer Hetze, Boykottaufrufen und politisch gesteuerten Ermittlungen ausgesetzt. Die entschädigungslose Enteignung von Simson & Co. im November 1935 ist das Ergebnis eines längeren politischen Vorgehens gegen die Familie. Schon zuvor war ihre Kontrolle über das Unternehmen durch Eingriffe in die Eigentumsverhältnisse stark geschwächt worden. Nach der Enteignung bereitet die Familie Simson ihre Emigration vor, 1937 gelingt ihr die Flucht in die USA.
Der Betrieb wird umbenannt und firmiert zunächst als „Berlin-Suhler Waffen- und Fahrzeugwerke Simson & Co.“, kurz BSW. 1939 geht er in die Wilhelm-Gustloff-Stiftung über und trägt den Namen „Gustloff-Werke, Waffenwerk Suhl“. Der Schwerpunkt liegt auf der Rüstungsproduktion, aber auch Fahrräder werden weiter gebaut, zunächst unter der Marke BSW. Dazu kommt ein neues Motorfahrrad, das BSW Modell 98. Zeitgleich wird in Suhl außerdem ein 125-cm3-Motorrad geplant und die Rechte an einer Konstruktion nach dem Vorbild der Megola erworben. Die Motorradentwicklung wird jedoch 1941 eingestellt.
Die erste „Simson“ im PS.SPEICHER: 98er Gustloff/BSW Modell 100

Ab 1936 wird das steuer- und führerscheinfreie Leichtmotorrad BSW Modell 98 gebaut, das mit einem 98-cm3-Sachs-Motor ausgerüstet ist. Bis 1939 werden jährlich circa 9.000 Exemplare gefertigt, die späten Motorfahrräder tragen statt der Marke „BSW“ ein „G“ für Gustloff auf dem Tank.
Hersteller | Gustloff | |
Typ | Modell 100 | |
Motorbauart | 1 Zyl. Zweitakt | |
Hubraum | 98 cm³ | |
Leistung | 2,25 PS | |
Bauzeitraum | 1936–1939 | |
Höchstgeschwindigkeit | 60 km/h |
Neuanfang nach 1945: der Weg zur AWO 425
Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Werk nicht vollständig demontiert, sondern unter sowjetischer Kontrolle als Produktionsstandort erhalten. Schrittweise kehrt auch der Name Simson zurück, ab 1947 ist Simson & Co. wieder alleinige Firmenbezeichnung. Zunächst entstehen zivile Produkte, später erneut Fahrräder und Jagdwaffen. Mit der Eingliederung in die Sowjetischen Aktiengesellschaften (SAG) und später in die SAG Avtovelo verliert das Werk seine wirtschaftliche Selbstständigkeit, entwickelt sich aber dennoch erfolgreich weiter.

Mit der AWO 425 T, auch Touren-AWO genannt, beginnt ein neuer und prägender Abschnitt der Simson Geschichte. In der Nachkriegszeit ist die Nachfrage nach Motorrädern hoch. Die AWO, deren Bezeichnung von „Awtowelo“ kommt, entsteht als deutsch-sowjetisches Gemeinschaftsprojekt und markiert für das Werk in Suhl einen technischen und symbolischen Neubeginn. Der Aufbau der Serienfertigung verläuft zunächst schwierig, doch in den frühen 1950er Jahren gelingt der Übergang zu größeren Stückzahlen. Als erstes neu entwickeltes Motorrad der DDR erregt die AWO viel Aufmerksamkeit, zugleich überzeugt sie durch moderne Technik und Verarbeitungsqualität.
Hersteller | AWO | |
Typ | 425 T | |
Motorbauart | 1 Zyl. Viertakt | |
Hubraum | 247 cm³ | |
Leistung | 12 PS | |
Bauzeitraum | 1950–1960 | |
Höchstgeschwindigkeit | 100 km/h |
Nachdem das Simsonwerk 1952 zusammen mit weiteren SAG-Betrieben an die DDR übergeht, wird es erneut umbenannt in „VEB Fahrzeug- und Gerätewerk Simson/Suhl“.
Die AWO 425 S: sportliche Weiterentwicklung
Nachdem sich die Serienfertigung der Touren-AWO stabilisiert hat, folgt mit der AWO 425 S eine sportliche Variante.

Mit dem Tourenmodell hat sie Motor, Getriebe und Kardan gemeinsam. Das Fahrwerk ist auf sportlichere Belastungen ausgelegt, dazu kommt unter anderem die hydraulische Dämpfung, Leichtmetall-Vollnabenbremsen und eine Gestaltung, die den sportlichen Anspruch unterstreicht.
Die AWO 425 S geht im Dezember 1955 in Produktion und bleibt bis zum Ende der Motorradfertigung 1961 ein wichtiges Modell aus Suhl. Ab 1957 werden beide Varianten umbenannt und fortan als Simson 425 T und Simson 425 S verkauft. Zusammen erreichen sie eine Stückzahl von 212.613 Fahrzeugen.
Hersteller | Simson | |
Typ | 425 S | |
Motorbauart | 1 Zyl. Viertakt | |
Hubraum | 247 cm³ | |
Leistung | 14/16 PS | |
Bauzeitraum | 1956–1961 | |
Höchstgeschwindigkeit | 110/115 km/h |
Die AWO 425 S ging im Dezember 1955 in Produktion und blieb mit weiteren Verbesserungen bis zum Ende der Motorradfertigung 1961 ein wichtiges Suhler Modell. Ab 1957 wurden beide Modelle in „Simson“ unbenannt und fortan als Simson 425 T und Simson 425 S verkauft. Zusammen erreichten sie eine Stückzahl von 212.613 Fahrzeugen.
Warum diese frühe Simson Geschichte wichtig ist
Heute haben vor allem die Simson-Mokicks Kultstatus. Für viele Menschen sind sie mit Jugenderinnerungen verbunden, für andere bis heute gefragte Einsteigermodelle, mit denen erste eigene Mobilitätserfahrungen beginnen.
Gerade deshalb lohnt sich ein Blick auf die frühe Simson Geschichte. Hinter der Marke steht eine lange Entwicklung, die vom Suhler Waffengewerbe über Fahrrad- und Automobilbau bis zum Motorradbau der Nachkriegszeit reicht. Sie ist zugleich von politischen Umbrüchen, Enteignung und Neuanfängen geprägt. Wer heute über Simson spricht, sollte diese historischen Zusammenhänge mit im Blick haben.
Für den Blick auf die Fahrzeuge im Museum ist das besonders aufschlussreich: Das Gustloff-Modell 100 steht für die Phase, in der der Name Simson nach der Enteignung der Familie aus dem Werk verdrängt war. Die AWO 425 T markiert den industriellen Neuanfang nach Krieg und Demontage. Die AWO 425 S zeigt schließlich, wie schnell daraus wieder technisch anspruchsvoller Motorradbau entsteht. Die Gustloff 100 und eine AWO 425 S findet ihr in unserer Sammlung MOTORRAD, beide AWO-Varianten sind zudem in der Erlebnisausstellung des PS.SPEICHER zu sehen.
Dies ist der erste Teil unserer Simson-Reihe. Im zweiten Teil geht es um den Bau von Kleinkrafträdern in Suhl und die berühmte Vogelserie. Vielleicht interessiert dich auch...
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