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Als Dampf noch mit Benzin konkurrierte: Stanley Steamer als Objekt des Monats September

  • vor 4 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
Historischer Stanley mit goldfarbenen Rädern in der Ausstellung des PS.SPEICHER, dahinter weitere frühe Automobile.

Ein Automobil mit Dampfantrieb wirkt heute wie eine technische Kuriosität. In der Frühzeit des Automobils war allerdings keineswegs entschieden, welche Antriebsart sich durchsetzen würde. Dampfwagen, Elektrofahrzeuge und Automobile mit Verbrennungsmotor konkurrierten direkt miteinander. Allein in den USA gab es um 1900 mehr als 100 Hersteller von Dampfwagen.

Zu den bekanntesten gehörte die Stanley Motor Carriage Company. Ihr Name steht für leistungsfähige Dampfautomobile, gute Beschleunigung und einen Geschwindigkeitsrekord von mehr als 200 km/h. Ein Stanley Steamer von 1911 befindet sich heute im PS.SPEICHER. Das Fahrzeug feiert in diesem Jahr seinen 115. Geburtstag und stammt aus einer Zeit, in der Dampfwagen noch als ernsthafte Alternative zum Benzinautomobil galten.

 

Die Stanley-Brüder und ihre Dampfwagen

Francis Edgar und Freelan Oscar Stanley betrieben im US-Bundesstaat Massachusetts zunächst ein Unternehmen für fotografische Trockenplatten. 1897 begannen die Zwillingsbrüder eher als Hobby mit dem Bau leichter Dampfwagen.


Eines ihrer ersten Fahrzeuge überzeugte bei einem Wettbewerb im Rahmen einer Automobilausstellung in Neuengland. Der Geschäftsmann John Brisben Walker bot den Brüdern daraufhin 250.000 Dollar für ihre Patente. Die Stanleys nahmen das Angebot an und verpflichteten sich, für ein Jahr keine eigenen Dampfautomobile zu entwickeln. Unter dem Namen Locomobile begann anschließend die serienmäßige Herstellung ihrer ursprünglichen Konstruktion.


Nach einer einjährigen Sperrfrist entwickelten die Stanleys ein neues Fahrzeug. Ab 1902 saß der Dampfkessel vorn, während die Dampfmaschine die Hinterachse direkt antrieb. Ab 1904 wurde der Kessel unter einem langen, sargähnlichen Gehäuse verborgen. Diese Form prägte das Erscheinungsbild der Stanley-Wagen und ließ sie äußerlich zunehmend wie Automobile mit Verbrennungsmotor wirken. Während Locomobile Ende 1903 zum Benzinmotor wechselte, blieb Stanley dem Dampfantrieb treu. Das Unternehmen bot bald Fahrzeuge mit 8, 10 und 20 HP an und belieferte neben Privatkunden auch Polizei- und Feuerwehrdienststellen.


Der Stanley Steamer von 1911 im PS.SPEICHER

Der Stanley im PS.SPEICHER stammt aus dem Jahr 1911. Er besitzt eine Zweizylinder-Dampfmaschine, wird mit Petroleum befeuert und erreicht rund 80 km/h. W. Galloway & Co. importierte den Wagen in den 1940er Jahren nach Großbritannien und fertigte vermutlich auch seinen Aufbau. Für das Fahrzeug ist der Spitzname „Priscilla“ überliefert.


Historischer schwarzer Stanley mit goldfarbenen Speichenrädern in der Ausstellung des PS.SPEICHER, flankiert von weiteren frühen Automobilen.

Der Wagen entstand in einer Zeit, in der Stanley-Dampfwagen technisch ausgereift und leistungsfähig waren. Dass Dampf keineswegs langsam sein musste, hatte die Marke bereits einige Jahre zuvor bewiesen.


Mehr als 200 km/h mit Dampf

1906 erreichte Fred Marriott mit einem stromlinienförmigen Stanley-Rennwagen am Strand von Ormond Beach rund 205 km/h. Der als „Woggle-Bug“ bezeichnete Wagen stellte damit einen Geschwindigkeitsrekord für Dampfautomobile auf.


Bei einem weiteren Rekordversuch im folgenden Jahr hob der Wagen bei etwa 240 km/h vom Boden ab und wurde vollständig zerstört.


Wie funktioniert ein Stanley Steamer?

Bei einem Stanley Steamer erhitzte ein Brenner Wasser im Kessel. Der entstehende Dampf bewegte die Kolben der Zweizylindermaschine und trieb die Hinterachse direkt an. Ein Vorteil lag in der gleichmäßigen Kraftentfaltung. Die doppelt wirkende Dampfmaschine wurde auf beiden Seiten ihrer Kolben mit Dampf beaufschlagt und konnte dadurch schon bei niedriger Geschwindigkeit ein hohes Drehmoment liefern. Die Kraft ließ sich direkt auf die Hinterachse übertragen. Ein aufwendiges Schaltgetriebe war nicht erforderlich.


Für den Fahrer bedeutete der Dampfantrieb dennoch zusätzliche Aufgaben. Der Wasserstand im Kessel musste aufmerksam beobachtet werden. Sank er zu stark ab, konnte der Dampferzeuger überhitzen. War dagegen zu viel Wasser vorhanden, gelangten Wassertröpfchen mit dem Dampf in den Motor. Dadurch konnte der Druck stark ansteigen und Schäden verursachen. Ein Stanley verlangte daher nicht nur genaue Kenntnisse im Fahren, sondern auch im Umgang mit seiner Antriebstechnik.



Warum sich der Benzinmotor durchsetzte

Nicht mangelnde Leistung, sondern vor allem die Bedienung wurde dem Dampfwagen zum Verhängnis. Benzinautos ließen sich zunehmend einfacher starten. Der elektrische Anlasser ersetzte das mühsame Ankurbeln, während der Ausbau des Tankstellennetzes die Kraftstoffversorgung erleichterte.


Der Benzinmotor war damit schneller einsatzbereit und verlangte weniger Aufmerksamkeit. Stanley entwickelte seine Fahrzeuge zwar weiter und führte unter anderem elektrische Beleuchtung, Stahlrahmen und Kondensatoren ein. Dennoch sanken die Verkäufe. Die Stanley-Brüder zogen sich während des Ersten Weltkriegs aus dem Unternehmen zurück. Nach mehreren Eigentümerwechseln endete die Produktion 1927.


Der Stanley Steamer von 1911 zeigt heute, wie nah der Dampfwagen damals an einer dauerhaften Rolle im Straßenverkehr war. „Priscilla“ steht für eine Antriebstechnik, die schnell und leistungsfähig sein konnte, deren Bedienung aber letztlich zu aufwendig blieb. Zu sehen ist das Fahrzeug in der Sammlung KLEINWAGEN.


Den PS.SPEICHER mit dem Tagesticket entdecken

Mit dem 1-Tagesticket – Erlebnis Fahrzeugwelten könnt ihr die Erlebnisausstellung und alle Sammlungen des PS.SPEICHER an einem Tag entdecken. Wer sich für die über 2.500 historischen Fahrzeuge und ihre Geschichten mehr Zeit nehmen möchte, kann den Besuch mit dem 2-Tagesticket – Erlebnis Fahrzeugwelten entspannt auf zwei Tage verteilen.

Für Familien gibt es zusätzlich das Familien-Tagesticket für bis zu zwei Erwachsene und maximal drei minderjährige Kinder. Darin sind neben der Erlebnisausstellung und allen Sammlungen auch die App-geführte „Zeitreise: 200 Jahre Mobilität“ sowie die Kinder-Erlebnis-Rallye enthalten.


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