top of page

Automobil und Mode um 1900: Vom Staubmantel zur Stilfrage

Als die ersten Automobile über holprige Landstraßen ratterten, war das Fahren ein echtes Abenteuer – und zugleich ein modisches Statement. Schutzbrillen gegen den Staub, lange Mäntel aus Leder oder Wolle gegen Wind und Wetter, Handschuhe und Hauben als unverzichtbare Hilfsmittel: Wer im offenen Wagen unterwegs war, musste sich nicht nur mit einer neuen Technik, sondern auch mit neuen Kleidungsfragen auseinandersetzen.

Schon um 1900 zeigt sich, wie eng Mode und Mobilität miteinander verbunden sind. Die Kleidung der Fahrerinnen und Fahrer spiegelt praktische Anforderungen, gesellschaftlichen Status und ein neues Lebensgefühl: Freiheit, Geschwindigkeit und Modernität. Das Automobil verändert nicht nur die Art zu reisen, sondern auch, wie sich Menschen im öffentlichen Raum präsentieren.

Schwarzweiß-Illustration mit vier Personen in frühn 1900er-Automobilkleidung: zwei Frauen und zwei Männer in langen Staub- und Schutzmänteln aus Stoff, Gummi oder Leder, mit Kopfbedeckungen und Schutzbrillen, nebeneinander frontal dargestellt.
Staubmäntel und wasserdichte Mäntel für Automobilistinnen und Automobilisten. Quelle: Allgemeine Automobil Zeitung, 1902, Nr. 24. S. 12.

Staub, Wind und neue Garderobe: Praktische Mode auf staubigen Straßen

Als das Automobil ab Ende des 19. Jahrhunderts aufkam, waren die meisten Wagen offen, die Straßen unbefestigt und die Fahrten lang und zugig. Kleidung musste plötzlich mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen: Sie sollte vor Staub, Schmutz, Wind und Regen schützen, im offenen Fahrzeug warm halten, genug Beweglichkeit für Lenkung und Pedale ermöglichen und zugleich den Erwartungen an „korrekte“ Damen- und Herrenmode der wohlhabenden Kundschaft entsprechen.

Für viele Frauen wurde Mode dabei zu einem konkreten Hindernis. Lange Röcke, Korsetts, große Hüte und empfindliche Stoffe erschwerten das Fahren und konnten sich in der Mechanik verfangen. Männer konnten eher an Reit- oder Arbeitskleidung anknüpfen, während Frauen stärker im Spannungsfeld zwischen praktischer Kleidung und gesellschaftlichen Vorstellungen von „Weiblichkeit“ standen.

Zeitgenossinnen und Zeitgenossen klagten vor allem über den Staub, der Augen, Mund und Hals füllte und in jede Stofffalte drang. Als Reaktion entstand der Motormantel oder Car Coat: ein langer, weit geschnittener Mantel aus Wolle, Leinen oder Leder, der über der eigentlichen Garderobe getragen wurde und sowohl bei Männern als auch bei Frauen zur Grundausstattung gehörte. Dazu kamen robuste Stiefel und Lederhandschuhe, die Halt am noch ungestützten Lenkrad gaben – das bis heute so genannte Handschuhfach erinnert daran.

Ein charakteristisches Accessoire war die runde Schutzbrille, die die Augen vor Staub, Steinschlag und Insekten schützte. Frauen trugen zusätzlich Schleier aus Tüll oder Musselin und eng anliegende Hauben aus Seide oder Samt, um Frisur und Haut zu schützen. Bei Kälte oder Regen waren Automobilistinnen und Automobilisten oft so stark vermummt, dass sie von außen kaum zu unterscheiden waren – ein Effekt, der konservative Kreise irritierte, weil er gewohnte Geschlechterbilder infrage stellte.

Schon in dieser frühen Phase entstand damit ein Spannungsfeld zwischen Funktion und Eleganz. Während Männerkleidung eher militärisch oder sportlich wirkte, griff die Haute Couture die Damenmode für Autofahrten früh auf: Modehäuser wie Paquin oder Worth entwarfen komplette Automobilkostüme aus Mantel, Rock und Hut – robust genug für die Fahrt und zugleich sorgfältig aufeinander abgestimmt.


Vom Staubmantel zum Stilobjekt

Mit zunehmender Technisierung der Fahrzeuge und der Verbesserung der Straßen wandelte sich auch die Fahrermode. Motoren wurden zuverlässiger, Karosserien stabiler, erste geschlossene Aufbauten kamen auf. Der allgegenwärtige Staub nahm ab – und der Schutzcharakter der Kleidung trat etwas in den Hintergrund und Eleganz wurde immer wichtiger.

Automobilhersteller und Modehäuser erkannten das Potenzial von Mode und Motorfahrzeug. In Anzeigen der 1910er- und frühen 1920er-Jahre erscheinen Fahrzeuge nicht nur als Technikprodukte, sondern als Teil eines Lebensstils. Besonders in Frankreich werden elegante Limousinen mit ebenso eleganten Fahrerinnen inszeniert. Die Werbung zeigt Frauen in Automobilkleidern und -mänteln, oft als selbstständige Fahrerinnen, deren Kleidung und Wagen ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

Solche Darstellungen vermitteln eine klare Botschaft: Das Auto ist mehr als Fortbewegungsmittel, es wird zum Accessoire, das Geschmack und Status unterstreicht. Die Garderobe passt sich diesem Bild an – und umgekehrt richtet sich die Fahrzeuginszenierung nach der zeitgenössischen Mode.


Frauen am Steuer – Kleidung zwischen Emanzipation und Erwartung

Parallel zur technischen Entwicklung veränderte sich die Rolle der Frauen im Straßenbild. Obwohl Bertha Benz mit ihrer berühmten ersten Fernfahrt im Automobil von Mannheim nach Pforzheim 1888 dem frühen Automobilismus in Schwung brachte, galten Frauen am Steuer in den folgenden Jahren als Exotinnen.

Reiseberichte wie die der US-Amerikanerin Alice Ramsey, die 1909 als erste Frau die USA mit dem Auto durchquerte, zeigen das Spannungsfeld, in dem sie sich bewegten. Unterwegs trugen Ramsey und ihre Begleiterinnen praktische Staubmäntel, Hüte und Schutzbrillen. Im Gepäck lagen jedoch lange Kleider und große Hüte, um bei Zwischenstopps „korrekt“ gekleidet auftreten zu können.

Autorinnen wie die Engländerin Dorothy Levitt, die ab 1903 Autorennen fuhr, gaben in ihren Büchern Tipps für die Frau am Steuer. Sie empfahl Kleidung, die Wetter und Staub trotzt, ohne die Trägerin „bis zur Unkenntlichkeit“ zu vermummen, und riet sogar zu einem Overall in Mantelform für Reparaturen – über dem eigentlichen Kostüm. Damit griff sie das Grundproblem auf: Fahrerinnen wollten ernst genommen werden, sollten jedoch gleichzeitig dem gängigen Bild der „Dame“ entsprechen.

Werbung und Illustrierte jener Zeit verstärkten dieses doppelte Bild. Autofahrende Frauen wurden als modern, modisch und selbstständig präsentiert, zugleich blieben Kleidung und Erscheinungsbild zentral. Die Botschaft: Eine Frau kann Auto fahren, solange sie dabei elegant bleibt. Mode war damit nicht nur Begleiterin der Mobilität, sondern auch Mittel, neue Rollenbilder akzeptabel erscheinen zu lassen.

Schwarzweiß-Fotografie einer Gruppe von Automobilistinnen um 1900 in Pariser Wintermode: mehrere Frauen stehen nebeneinander, tragen lange Pelz- und Ledermäntel, Hüte oder Hauben mit Schutzbrillen und lange Röcke.
Pariser Wintermoden für Damen. Quelle: Allgemeine Automobil Zeitung, 1904, Nr. 47, S. 9.

Die 1920er-Jahre: Wenn Automobil und Mode zum Lifestyle werden

In den frühen 1920er-Jahren verbreitete sich das Auto über die allerreichsten Schichten hinaus. Mit neuen Modellen für breitere Käuferschichten entstand eine Alltagsästhetik der Mobilität. Kleidung wurde leichter, sportlicher und weniger formal. Kurze Haare, gerade geschnittene Kleider und schlichte Mäntel passten zum Bild der „Neuen Frau“, die berufstätig sein konnte, Auto fuhr und sich in der Großstadt bewegte.

Werbeplakate und Modestrecken zeigten Frauen am Steuer, deren Garderobe und Fahrzeug ein abgestimmtes Ensemble bildeten. Der Wagen vervollständigte „dezent die Eleganz der Dame“ – so beschrieben zeitgenössische Anzeigen die Rolle des Autos. Gleichzeitig signalisierte ein eigenes Fahrzeug Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit. Selbst Leserinnen und Leser, die sich kein Auto leisten konnten, nahmen über Kleidung an diesem Lifestyle teil: Der passende Mantel, der Hut oder die Handschuhe wurden zu Symbolen einer modernen Mobilitätskultur.

Damit war der Schritt von der rein funktionalen Autofahrerkleidung hin zu einem kulturbestimmenden Modethema vollzogen. Das Zusammenspiel von Automobil und Mode prägte nicht nur die Garderobe, sondern auch das Bild von Freiheit, Fortschritt und Urbanität – Tendenzen, die weit über 1920 hinauswirkten.


Fazit: Mode auf Rädern als Spiegel der Moderne

Ob Staubmantel, Schutzbrille oder Seidenschal – die frühe Verbindung von Automobil und Kleidung ist eine Geschichte gegenseitiger Beeinflussung. Das Automobil brachte neue praktische Anforderungen mit sich, stellte alte Kleidungscodes infrage und eröffnete Frauen wie Männern neue Handlungsspielräume. Gleichzeitig machte die Mode aus Fahrerinnen und Fahrern sichtbare Symbolfiguren der Moderne: technisch versiert, mobil und stilbewusst.



PS.Insider werden

Ihr wollt keine Neuigkeiten aus dem PS.SPEICHER verpassen? Dann abonniert jetzt unseren PS.Insider Newsletter und bleibt immer informiert über Fahrzeuge, Veranstaltungen und spannende Einblicke hinter die Kulissen.






 
 
 

Kommentare


bottom of page