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Ost trifft West: Wie Rennwagen Grenzen überschreiten – von Riga bis Einbeck

AWTOWELO
Der AWTOWELO 650 - eine silberne Legende

Ein Rennwagen kennt eigentlich nur zwei Richtungen: vorwärts – und manchmal rückwärts in die Box. Und doch erzählen einige der berühmtesten Autos der Welt eine andere Geschichte: Sie haben Grenzen überquert, Systeme überlebt und sind von der Sowjetunion zurück in westliche Museen gewandert.


Wenn ihr heute vor dem Awtowelo 650 in der SCHATZKAMMER des PS.SPEICHER steht, schaut ihr nicht nur auf ein Stück Technik, sondern auch auf ein Kapitel europäischer Zeitgeschichte.


Nach dem Krieg: Silberpfeile im Schatten des Eisernen Vorhangs

Als 1945 der Krieg endet, liegt das Auto-Union-Rennwagenprogramm in Trümmern. In einem Stollen bei Zwickau stehen noch mehrere Wagen und Komponenten – Überreste einer Epoche, in der die deutschen Silberpfeile den Grand-Prix-Sport dominiert hatten.


Die Rote Armee stößt auf diese Fahrzeuge und betrachtet sie als Kriegsbeute. Schätzungsweise 18 Auto-Union-Rennwagen – darunter Typ C, Typ D und Spezialkarosserien – werden in die Sowjetunion gebracht und an verschiedene Forschungsinstitute und Hersteller verteilt, etwa an NAMI oder das ZIL-Werk.


Dort werden die Autos:


  • zerlegt, um Technik zu studieren,

  • als Versuchsfahrzeuge für eigene Prototypen verwendet,

  • oder schlicht als Materiallager angesehen.


Ein Großteil der Fahrzeuge wird über die Jahre ausgeschlachtet oder verschrottet. Was bleibt, sind wenige Reste – und die Erinnerung an ein paar „komische alte Rennwagen deutscher Herkunft“.


Riga: Wie ein Bergrennwagen dem Schrott entkam

Eine der spektakulärsten Ost-West-Geschichten beginnt 1976 in Moskau. Im ZIL-Werk steht ein in die Jahre gekommener Rennwagen, der kurz davor ist, in der Schrottpresse zu landen. Es handelt sich um einen Auto Union Typ C/D – einen V16-Bergrennwagen, der Teile des Typs C und D kombiniert.


Der lettische Oldtimer-Enthusiast Viktors Kulbergs erfährt davon. Laut späteren Berichten telefoniert er, überzeugt Funktionäre, sammelt Unterschriften – und sorgt schließlich dafür, dass der Wagen nicht zerlegt, sondern nach Lettland gebracht wird. Dort findet er im Riga Motor Museum ein neues Zuhause.


Nach dem Ende der Sowjetunion prüft Audi die Identität des Fahrzeugs und bestätigt: Es handelt sich um den letzten originalen Auto Union Typ C/D Bergrennwagen. Audi bietet dem Museum einen Tausch an:


  • Das Original geht nach Ingolstadt,

  • eine hochqualitative Replik bleibt in Riga.


Der Deal kommt zustande. Crosthwaite & Gardiner in England restaurieren das Original und bauen gleichzeitig die Replika. Heute steht der echte Riga-Wagen im Audi museum mobile, während die Kopie weiterhin in Lettland zu sehen ist.


Ein Rennwagen, der als Kriegsbeute nach Russland geht, um ein Haar verschrottet wird, von einem Enthusiasten gerettet, in Lettland bewahrt und schließlich mit Audi-Expertise restauriert wird – mehr Ost-West-Geschichte passt kaum in ein einziges Fahrzeug.


Karassik und die Suche nach den verlorenen Typ-D-Rennwagen

Neben dem Riga-Wagen macht noch eine zweite Ost-West-Erzählung Schlagzeilen: die Geschichte des amerikanischen Sammlers Paul Karassik. In den 1980er-Jahren spürt er in der Sowjetunion Reste von zwei Auto-Union-Typ-D-Rennwagen auf. Was folgt, ist eine jahrelange Mischung aus Detektivarbeit, Verhandlungen und Transportabenteuern.


Karassik bringt Chassis und Motoren nach Westen, lässt sie – wieder bei Crosthwaite & Gardiner – restaurieren und stellt sie der Öffentlichkeit vor. Später kauft Audi diese Wagen. Zusammen mit dem Riga-Wagen besitzt die Marke damit drei von nur fünf noch existierenden originalen Auto-Union-Rennwagen.


Auch hier gilt: Ohne den Mut eines Einzelnen, in einer politisch angespannten Lage nach vergessenen Autos zu suchen, wären diese Fahrzeuge heute Geschichte – im wörtlichen Sinne.


Der Awtowelo 650: Ein Rennwagen zwischen DDR, Moskau, England und Einbeck

Während die Vorkriegswagen migrieren, entsteht in der frühen DDR ein ganz eigener Rennwagen – und schreibt eine nächste Ost-West-Geschichte: der Awtowelo Typ 650 „Sokol“.

In den späten 1940er-Jahren beauftragt Wassilij Stalin, der motorsportbegeisterte Sohn des Diktators, den Bau eines Grand-Prix-Rennwagens. In Chemnitz/Karl-Marx-Stadt baut man bei der sowjetischen Aktiengesellschaft Awtowelo zwei Mittelmotor-Monoposti, technisch deutlich inspiriert von den Auto-Union-Silberpfeilen: V12-Motor mit knapp 2 Litern Hubraum und rund 150 PS, Leichtbau, Renntechnik nach Vorkriegsstandard.


Die Wagen absolvieren Testfahrten, werden 1952 nach Moskau geflogen – und kehren wegen technischer Probleme (unter anderem Vergaserabstimmung) wieder zurück. Ein großer Renneinsatz findet nie statt. Der politische Rückenwind schwindet, das Projekt verläuft im Sande.


Von den beiden Awtowelo-Rennern bleiben Fragmente. In Chemnitz rekonstruiert ein Kooperationsprojekt von Industriemuseum Chemnitz, TU Dresden und Westsächsischer Hochschule Zwickau ein Rolling Chassis aus noch vorhandenen Teilen und dokumentiert dabei den Forschungsstand.


Der andere Wagen geht einen eigenen Weg: Er taucht in England auf, wird im Donington-Museum jahrelang als „Auto Union Typ E“ gezeigt – bis detaillierte Untersuchungen ergeben, dass es sich in Wahrheit um einen Awtowelo 650 handelt, also um einen DDR-Rennwagen in sowjetischem Auftrag.


Heute steht genau dieser Wagen in Einbeck. In der Schatzkammer des PS.SPEICHER wird er als „russischer Silberpfeil“ präsentiert – ein Unikat zwischen Auto-Union-Tradition, DDR-Industriegeschichte und Ost-West-Mobilität.


Was diese Geschichten über Europa erzählen

Wenn man diese Biografien nebeneinanderlegt, entsteht ein ungewöhnliches Bild von Europas jüngerer Geschichte:


  • Rennwagen werden zu Zeugen des Kalten Krieges,

  • Sammler und Museumsleute zu Grenzgängern zwischen Systemen,

  • und ein einzelnes Fahrzeug kann mehr über Macht, Eigentum und Erinnerung erzählen als manch dicker Aktenordner.


Die Wege von Riga nach Ingolstadt, von Moskau nach Lettland und von Chemnitz über England nach Einbeck zeigen, wie eng Technik-, Politik- und Kulturgeschichte miteinander verwoben sind.

Gleichzeitig machen sie deutlich, warum Orte wie der PS.SPEICHER wichtig sind. Hier können diese Geschichten in Ruhe erzählt, eingeordnet und diskutiert werden. Der Vortrag von Eberhard Kittler unter dem Titel „Silberpfeile aus Sachsen – die Rückkehr des Awtowelo 650 und seiner verschwundenen Vorgänger“ greift genau diese Verflechtungen auf – und verbindet Archivarbeit mit anschauligen Beispielen.


PS.SPEICHER und FörderFreunde: Ost-West-Geschichten sichtbar machen

Der PS.SPEICHER versteht sich nicht nur als Sammlung schöner Autos, sondern als Erlebnisort für Mobilitätsgeschichte – vom Kleinwagen bis zum Rennwagen, vom Vorkriegstruck bis zum Supercar. Die Schatzkammer bietet den passenden Rahmen für Fahrzeuge wie den Awtowelo 650, die mehr sind als „nur“ schnelle Maschinen.


Damit solche Projekte, Vorträge und Ausstellungen dauerhaft möglich sind, braucht es Unterstützung. Die FörderFreunde PS.SPEICHER e.V. engagieren sich genau dafür: Sie helfen beim Sammeln, Bewahren und Vermitteln automobilen Kulturguts – und sorgen mit dafür, dass Ost-West-Geschichten auf Rädern nicht in irgendwelchen Archiven verstauben, sondern in Einbeck im Gespräch bleiben.


Wenn ihr das nächste Mal von einem Silberpfeil oder einem „russischen Rennwagen“ lest, könnt ihr euch daran erinnern: Die spannendsten Routen sind manchmal nicht die auf der Rennstrecke – sondern die, die ein Auto Jahrzehnte später über Grenzen und durch Museen führt.


 
 
 

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