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Der Autofreie Tag – Wie aus einer Ölkrise ein weltweiter Aktionstag wurde

Ein Sonntag ohne Motorengeräusch, ohne Autoverkehr, ohne Abgase – klingt heute fast utopisch. Doch vor über 50 Jahren war genau das Realität: Am 25. November 1973 erlebte die Bundesrepublik Deutschland den ersten „autofreien Sonntag“. Millionen Menschen gingen zu Fuß auf leeren Autobahnen spazieren, fuhren Rollschuh, sattelten das Fahrrad oder holten Pferdekutschen aus dem Schuppen. Bilder lachender Familien auf breiten Asphaltstraßen prägen bis heute die Erinnerung.

Damals war der Anlass eine ernsthafte Krise: die erste große Ölkrise. Aus der Not geboren entwickelte sich eine Erfahrung, die bis heute nachwirkt. Sie wurde zum wichtigen Symbol und Inspiration für den internationalen „Autofreien Tag“ am 22. September. Doch wie kam es zu diesem Tag, warum gilt er heute als Aktionstag für nachhaltigere Mobilität, und welche Bedeutung hat er heute – hier und weltweit?


Ein Polizist weist im Winter 1973 Autofahrer an der Eckernförder Straße in Kiel-Suchsdorf ein. Nur Fahrzeuge mit Sondergenehmigung dürfen während des bundesweiten autofreien Sonntags fahren.
Polizisten kontrollieren Autos auf der Eckernförder Straße, Ecke Sylter Bogen in Suchsdorf. Nur Autofahrer mit einer Sondergenehmigung fahren. Bild: Friedrich Magnussen, CC BY-SA 3.0 DE;http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/.

Der Ursprung: Ölkrise 1973

Im Oktober 1973 brach der Jom-Kippur-Krieg zwischen Israel, Ägypten und Syrien aus. Als politische Reaktion verhängten mehrere arabische Staaten ein Ölembargo gegen Länder, die Israel unterstützten, darunter die USA und die Niederlande. Auch in der Bundesrepublik Deutschland machte sich die Ölknappheit schnell bemerkbar.

Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) kürzte die Fördermengen, die Preise für Erdöl stiegen drastisch. Heizöl und Benzin wurden knapp, und der westlichen Gesellschaft wurde ihre Abhängigkeit vom Rohstoff Öl deutlich bewusst.

Die Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt reagierte mit dem Energiesicherungsgesetz vom 9. November 1973. Eine Verordnung vom 19. November regelte vier autofreie Sonntage (25. November, 2., 9. und 16. Dezember) und ein sechsmonatiges Tempolimit (100 km/h auf Autobahnen, 80 km/h auf Landstraßen). Ausnahmen galten nur für Polizei, Feuerwehr, medizinische Dienste und andere Notfälle. Verstöße wurden mit Strafen geahndet.


Erlebnisse auf leeren Straßen

Die Umsetzung des Fahrverbots veränderte das Straßenbild dramatisch. Autobahnen und Landstraßen blieben leer, während Menschen die ungewohnte Freiheit genossen:

  • In Städten wie Hamburg oder Kiel nutzten Familien die Hauptstraßen für Spaziergänge.

  • Kinder fuhren Schlitten, Erwachsene wagten sich mit Fahrrädern auf die Autobahn.

  • Mancherorts rollten Pferdekutschen durch die Innenstädte.

Die Stimmung war erstaunlich gelassen. Viele nutzten den Tag wie ein Fest: Musik, Spaziergänge, sogar kleine Sportevents prägten die Atmosphäre. Gleichzeitig fiel vielen die veränderte Luftqualität auf: weniger Abgase, weniger Lärm, frische Luft in den Städten.

Gleichzeitig registrierten einige Branchen Umsatzeinbußen, etwa Blumenhändler und Gastronomie – während andere (z. B. der innerstädtische Nahverkehr und lokale Events) teils profitieren konnten. Auch gab es Kritik von Autofahrerverbänden, die ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt sahen. Diese vielfältigen Sichtweisen verdeutlichen, dass autofreie Tage nicht nur positive Effekte mit sich bringen, sondern stets kontrovers diskutiert wurden.


Gesellschaftliche Wirkung und Symbolik

Die autofreien Sonntage sollten vor allem den Ernst der Lage verdeutlichen: Öl war knapp, und Energiesparen wurde zum politischen Signal. Die Maßnahmen wirkten weniger durch den eigenen Spareffekt, als vielmehr wegen der großen öffentlichen Aufmerksamkeit. Sie machten Abhängigkeiten sichtbar und leiteten Debatten um alternative Energien, Ressourcenschonung und zukünftige Mobilität ein – Diskussionen, die bis heute andauern.


Internationale Perspektiven: Von Europa bis nach Lateinamerika

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern reagierte die Politik mit temporären Fahrverboten auf die Ölkrise. In der Schweiz entstand 1973 der erste autofreie Tag, in Österreich führte man Anfang 1974 ein System mit Aufklebern („Pickerl“) ein. Jeder Autofahrer durfte an einem festgelegten Wochentag das Auto nicht nutzen. Viele dieser Maßnahmen blieben experimentell – aber in Städten wie Bogotá (Kolumbien) oder Paris etablierte sich später eine neue Tradition: Dort werden regelmäßig großflächige autofreie Tage eingeführt, teils mit enormer Beteiligung der Bevölkerung.


Freiwilliger Autofreier Tag seit den 1980er Jahren

Nach 1973 gab es in Deutschland keine gesetzlich vorgeschriebenen autofreien Sonntage mehr. Doch die Idee blieb lebendig: Seit den 1980ern organisieren Umweltverbände und Kommunen freiwillige Aktionstage, um nachhaltige Mobilität sichtbar zu machen. Der erste große bundesweite freiwillige autofreie Sonntag fand 1981 statt – mit dem Motto „Autofrei – Spaß dabei!“. Informationsstände, Radtouren und Aufklärungskampagnen rückten nun Umweltschutz und Lebensqualität stärker in den Fokus als noch während der Ölkrise.

Solche Aktionstage verlagerten den Schwerpunkt: Nicht mehr Ölknappheit stand im Vordergrund, sondern Umwelt- und Klimaschutz. Der autofreie Sonntag entwickelte sich zu einem Instrument, um Bewusstsein für nachhaltige Mobilität zu schaffen.


Der 22. September: Ein weltweiter Aktionstag

Seit dem Jahr 2000 ist der 22. September dank Initiative der Europäischen Kommission als World Car-Free Day offiziell etabliert – als Höhepunkt der Europäischen Mobilitätswoche. Heute nehmen weltweit zahlreiche Städte mit verschiedenen Aktionen teil: Straßen werden teilweise oder ganz gesperrt, Öffentliche Verkehrsmittel stehen vergünstigt oder kostenlos zu Verfügung; vielerorts werden neue Konzepte für Fuß- und Radverkehr ausgetestet. Das Ziel: Menschen sollen ausprobieren, wie sich Mobilität ohne Auto anfühlt – und welche Vorteile das für Umwelt und Lebensqualität hat.

Allerdings zeigen Studien: Der nachhaltige Effekt auf Emissionen oder Mobilitätsverhalten ist oft gering, solange keine dauerhaften Alternativen zum Auto entstehen. Die symbolische und bildungspolitische Wirkung ist jedoch enorm – sie regt zum Nachdenken und Ausprobieren an.


Menschen sitzen und entspannen auf Strohballen und Liegestühlen im Sand, während die Straße in der Innenstadt von Hannover für den Autoverkehr gesperrt ist. Im Hintergrund das Theater am Aegi.
Der Autofreie Sonntag 2018 mit "Partyzone" in der Innenstadt von Hannover. Bild: Bernd Schwabe, CC BY-SA 4.0; https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2018-06-03_Hannover,_Autofreier_Sonntag_(126).jpg.

Argumente und Herausforderungen des Autofreien Tages heute

Warum ist ein solcher Aktionstag auch heute noch relevant? Mehrere Gründe sprechen dafür:

  • Klimaschutz: Weniger Autoverkehr reduziert CO₂-Emissionen.

  • Luftqualität: Der Rückgang von Abgasen sorgt für sauberere Luft, besonders im städtischen Raum.

  • Gesundheit: Zu Fuß gehen und Radfahren fördern Bewegung und Fitness.

  • Sicherheit: Weniger Autos senken das Unfallrisiko deutlich.

  • Lebensqualität: Städte wirken ruhiger, Begegnungen werden erleichtert.


Der autofreie Tag macht erfahrbar, wie Mobilität anders gedacht werden kann. Gleichzeitig sind die Grenzen deutlich: Kritiker sehen in solchen Tagen Symbolpolitik. Einzelne autofreie Tage reichen nicht aus, um Mobilitätsmuster nachhaltig zu verändern – es braucht attraktive Alternativen und dauerhaft bessere Infrastruktur, damit Menschen tatsächlich auf das Auto verzichten können. Die rechtlichen Möglichkeiten für verpflichtende Fahrverbote sind zudem heute stark eingeschränkt; Engpässe und Nutzungskonflikte, etwa bei Barrierefreiheit oder Wirtschaft, bleiben Herausforderungen.


Ein Aktionstag mit Geschichte und Zukunft

Der autofreie Tag hat seinen Ursprung in einer Energiekrise und wurde zu einem weltweiten Aktionstag für nachhaltige Mobilität im Zentrum aktueller Debatten über Stadtentwicklung und nachhaltige Mobilität. Immer mehr Kommunen nutzen den Tag, um das Verkehrserlebnis neu zu gestalten und über eine lebenswerte Zukunft nachzudenken. Er erinnert uns daran, dass unsere Art der Fortbewegung nicht selbstverständlich ist, sondern mit Ressourcen, Politik und Umwelt eng verknüpft bleibt.


Am 22. September lohnt es sich, die eigenen Mobilitätsgewohnheiten zu hinterfragen. Wer mag, erlebt Straßen mal ganz anders – zu Fuß, auf dem Rad oder mit Bus und Bahn. Und wer tiefer in die Geschichte und Zukunft der Mobilität eintauchen will, findet im PS.SPEICHER Einbeck spannende Impulse: Die App-geführte Erlebnistour „Grüner Faden“ verbindet automobile Geschichte mit den Herausforderungen der klimafreundlichen Fortbewegung von morgen.


 
 
 

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