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Im Winter sicher fahren: Die Entwicklung von Reifen, Fahrzeugtechnik und Winterdienst

  • 17. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Die kalte Jahreszeit rückt näher. Ein Blick zurück zeigt, wie sehr sich Winterfahrten seit den Anfängen des Automobils verändert haben. Um 1900 saßen viele Fahrende im offenen Phaeton, mit Fahrtwind und Schnee im Innenraum, schwacher Beleuchtung und unbefestigten Wegen. Heute sorgen Reifen, Fahrzeugtechnik und ein organisierter Winterdienst dafür, dass Fahrten bei Kälte, Schnee und Eis planbar und sicher gelingen.


Diese beiden Herren hatten im Winter 1902/03 bei -17 Grad immerhin ein Dach über dem Kopf beim Fahren. Quelle: Allgemeine Automobil-Zeitung, 1903, Nr. 5, S. 25.
Diese beiden Herren hatten im Winter 1902/03 bei -17 Grad immerhin ein Dach über dem Kopf beim Fahren. Quelle: Allgemeine Automobil-Zeitung, 1903, Nr. 5, S. 25.
In der Allgemeinen Automobil-Zeitung heißt es im Februar 1903: "Es gäbe zwar specielle Winter-Wagen, welche coupéartig gebaut sind, dieselben seien aber verhältnismäßig nur für einen so hohen Preis zu haben, daß sie der Allgemeinheit bis jetzt noch nicht zugänglich gemacht werden könnten. Die meisten der Wagen seien offen, sogar ohne Dach und ohne Glasscheibe, so daß während eines strengen Winters, wie im diesjährigen, es Niemand riskiren könne, solche Wagen dauernd zu benützen. […] Besonders für den Winter, wo der jetzige Automobilfahrer mehr einem Eskimo als einem gewöhnlichen Sterblichen ähnlich sieht, wäre es dringend nothwendig, die Wagen so zu bauen, daß man ohne Brille, ohne Staubfänger, ohne übermäige Pelze sich genau so befördern lassen kann, wie in dem im Winter üblichen Coupé". - Allgemeine Automobil-Zeitung, 1903, Nr. 5, S. 25.

Reifen – die physikalische Grundlage der Wintertauglichkeit

Der erste große Fortschritt kam außen am Fahrzeug: 1904 meldete der Amerikaner Harry D. Weed Schneeketten zum Patent an. Die Metallglieder verzahnen sich mit Schneex, Eis und Matsch und verwandeln Schlupf in Vortrieb – eine Lösung, die auf Pässen bis heute relevant bleibt. Aber auch die Reifen selbst rückten in den Mittelpunkt. Der amerikanische Hersteller Goodyear bot ab 1909 den „Diamond Tread“ an, ein stark profiliertes Modell, das sich auf schneebedeckten Straßen bewährte. 1934 folgten wintertaugliche Spezialprofile: in Finnland der „Kelirengas“ mit Querrillen für Lkw von Nokian Tyres, bei Continental das Modell „Gelände“ für Schnee und Eis. 1936 setzte Semperit mit dem „Goliath“ mit Zickzack-Rillen weitere Akzente. Anfang der 1950er brachte Continental den M+S 14  auf den Mark. Dieser Reifen hatte nicht nur ein wintertaugliches Profil, sondern auch eine spezielle Gummimischung, die auch bei Kälte elastisch bleibt. Das Kürzel M+S („Matsch und Schnee“) wird bis heute verwendet. Welcher dieser Reifen tatsächlich der „erste“ Winterreifen war, bleibt umstritten.

Der Durchbruch zur winterlichen Alltagstauglichkeit war ein branchenweiter, schrittweiser Prozess und gelang, als Radialbauweise, Lamellentechnik und kältefeste Gummimischungen zusammenkamen: Lamellen, feine Einschnitte in den Profilblöcken, erzeugen beim Abrollen zusätzliche Greifkanten und greifen im Schnee wie kleine Zahnräder; Silica- und Naturkautschukanteile halten den Gummi bei Minusgraden elastisch, statt ihn hart werden zu lassen. Das verkürzt Bremswege auf kalten, feuchten Belägen und stabilisiert die Lenkreaktion auf salznasser Fahrbahn. In den 1960er Jahren kommen Spikes auf: sehr wirksam auf Eis, aber schädlich auf Asphalt und daher seit 1975 in Deutschland verboten. Diese Einschränkung beschleunigte die Weiterentwicklung moderner Lamellenprofile und Mischungen. Parallel differenzierten sich Profile (asymmetrisch, laufrichtungsgebunden) für besseren Nassgriff und Aquaplaning-Eigenschaften.

Die Kennzeichnung entwickelte sich ebenfalls: Das M+S-Label hat Tradition, sagt aber wenig über Schnee-Performance aus. Die geprüfte Schneetauglichkeit wird heute durch das Alpine-Symbol gekennzeichnet. Rechtlich gilt in Deutschland eine situative Winterreifenpflicht bei winterlichen Straßenverhältnissen, ergänzt durch Kettenpflichtzonen in Gebirgen. Als flexible Notlösung kamen in jüngerer Zeit textile Schneesocken hinzu – schneller zu montieren, aber kein Ersatz dort, wo Ketten vorgeschrieben sind.


Fahrzeugtechnik und Assistenz – sehen, regeln, warm bleiben

Sicht ist die Voraussetzung für jede Entscheidung am Lenkrad. Der Weg dorthin verlief in Etappen: beheizbare Heckscheiben verbreiteten sich ab den 1960er Jahren, beheizbare Frontscheiben folgten später. Wischerzonen-Heizungen verhindern festgefrorene Blätter, wintertaugliche Waschflüssigkeit entfernt Salzfilm. Die Lichttechnik entwickelte sich von Halogen über Xenon zu LED. Da LED-Scheinwerfer die Abdeckung kaum erwärmen, helfen Scheinwerferreinigungen oder Heizelemente gegen anfrierenden Belag. Heute erscheint meist schon vor dem Start des Fahrzeugs der Hinweis auf mögliche Glätte im Kombiinstrument.


Eine große Verschiebung kam mit elektronischer Fahrdynamikregelung. Das Antiblockiersystem (ABS) wurde ab 1978 in Serie eingesetzt und verhindert blockierende Räder auf rutschigen Belägen und erhält die Lenkbarkeit beim Bremsen. Traktionskontrolle/ASR wird seit Ende der 1980er Jahre serienmäßig verbaut und reduziert Schlupf beim Anfahren und Beschleunigen. Die Elektronsiche Stabilitätskontrolle (ESC) ab Mitte der 1990er Jahre stabilisiert das Fahrzeug in Kurven und bei Ausweichmanövern. Fahrprogramme wie „Snow/Wet“ dämpfen die Gasannahme und passen die Schaltlogik an, damit die Antriebskraft sanfter am Rad ankommt. Ergänzend sorgen Reifendruckkontrollsysteme (für neue Pkw in der EU seit 2014 Pflicht) für den korrekten Luftdruck – wichtig für Haftung und Bremsweg. Grenzen bleiben: zugeschneite Markierungen oder vereiste Sensorflächen schränken Spurhalte- und Notbremsassistenten ein; Assistenzsysteme arbeiten innerhalb der verfügbaren Reibwerte.


Zur Wintertauglichkeit gehört auch Wärme. 1927 wurden mit Prestone die Grundlagen für modernen Kühlmittel-Frostschutz gelegt; das schützt Motoren und macht Winterbetrieb verlässlich. Für die Scheibenwaschanlage gilt in Deutschland seit Oktober 2006 die Pflicht zur frostbeständigen Befüllung in der Wintersaison. Standheizungen enteisen vor, Sitz- und Lenkradheizung erhöhen den Komfort ohne lange Warmlaufzeiten. Mit der E-Mobilität kam das Batteriethermomanagement hinzu: Vorkonditionierung temperiert den Akku vor der Abfahrt, Wärmepumpen heizen effizient, und die Rekuperation wird auf glatter Fahrbahn sanft geregelt. Das stabilisiert Reichweite und Fahrverhalten bei Minusgraden.


Winterdienst & Verkehrsschilder – die Straße als System

Verkehrsschild
Ab 1956 weißt dieses Warnschild mit dem schleudernden Auto auf Glätte-Gefahrenstellen hin.

Parallel zur Fahrzeugtechnik professionalisierte sich die Infrastruktur. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Straßen manuell geräumt, dazu kam in europäischen Städten wie Paris in größerem Umfang Streusalz zum Einsatz. In Deutschland setzte sich Salz zur Glättebekämpfung in den 1960er Jahren systematisch durch. Ein wichtiger Schritt war Feuchtsalz ab den frühen 1970er Jahren: Das vorgemischte Salz-Wasser-Gemisch haftet auf dem Belag, wirkt schneller und wird weniger verweht. Moderne Winterdienste planen Touren mit GPS-gestützter Flottensteuerung und nutzen Information über Straßenzustände und Wetterdaten, um präventiv oder passgenau auszurücken. Je nach Abschnitt ergänzen Granulate oder alternative Taumittel den Einsatz, um Wirkung, Infrastruktur- und Umweltschutz auszubalancieren.

Verkehrsschild
Das heute bekannte Warnzeichen für Schnee- und Eisglätte wird 1988 eingeführt.

Auch die Verkehrslenkung wurde konkret: Seit den 1950er Jahren warnt in Deutschland ein Symbol vor winterlicher Glätte; variable Tempolimits reduzieren Risiken bei Niederschlag und Kälte. Kettenpflichtschilder markieren exponierte Passagen in Mittelgebirgen und Alpenräumen. Rechtsrahmen wie Räum- und Streupflichten sowie Informationskanäle – von Verkehrsmeldungen bis Warn-Apps und dynamischen Anzeigen – fügen sich in ein System, das Wetterlagen sichtbar macht und Verhalten lenkt. Ergänzend arbeiten Behörden, Industrie und Versicherungen in Kampagnen zusammen, um Wechselzeitpunkte für Reifen, Fahrzeugausrüstung und Fahrweise in der Wintersaison zu adressieren.


Fazit 

Die Entwicklung der Wintertauglichkeit lässt sich auf verschiedene Entwicklungen zurückführen. Reifen mit Lamellen und kältefesten Mischungen stellen die Haftung her. Fahrzeugtechnik schafft Sicht, Stabilität und Wärme. Winterdienst und Verkehrslenkung räumen, streuen und warnen – seit den 1960ern systematisch und seit den 1970ern mit Feuchtsalz auch präventiv. In Summe ist das Autofahren im Winter heute deutlich sicherer und komfortabler als noch vor 120 Jahren.



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