Kombinat, Krise und Kultstatus: Die Simson S51 und die letzten Jahre der Marke
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Im ersten Teil unserer Simson-Reihe standen die frühen Jahrzehnte des Unternehmens im Mittelpunkt, im zweiten der Aufstieg Simsons zur bekannten Kleinkraftradmarke. Der dritte Teil richtet den Blick auf die späte Unternehmensgeschichte. Sie ist geprägt von Umstrukturierungen und neuen Modellen wie die Simson S51, zugleich aber auch von wachsenden Problemen, dem Ende des Betriebs und dem späteren Kultstatus der Marke.

Simson im Kombinat
Ende der 1960er Jahre werden die Simsonwerke grundlegend umstrukturiert und mit den Ernst-Thälmann-Werken zusammengelegt. Zum 1. Januar 1969 entsteht draus das „VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerke Ernst Thälmann Suhl“ (VEB FaJaS). Hintergrund ist die Neuorganisation des Zweiradbaus in der DDR im „IFA Kombinat für zweiradfahrzeuge/Suhl“. In diesem Zusammenhang wird Suhl zum alleinigen Hersteller von Mopeds bestimmt. Der Name Simson verschwindet erneut aus der Firmenbezeichnung, bleibt aber als Markenname für die Kleinkrafträder erhalten.
Mit der Eingliederung ins Kombinat wächst der Betrieb in Suhl deutlich, wird aber zugleich schwerer zu organisieren und zu führen. Seit den 1970er Jahren nehmen die Schwierigkeiten zu: veraltete Anlagen, Materialmangel, fehlendes Personal und ein immer größeres Auseinanderklaffen von Planvorgaben und tatsächlichen Produktionsmöglichkeiten belasten den Betrieb zunehmend. Gegen Ende des Jahrzehnts verschärfen Produktionsausfälle und zunehmende Qualitätsprobleme die Lage weiter. Dennoch entstehen in dieser Phase wichtige neue Fahrzeugtypen.
Ein kurzer Seitenweg: das Simson Mofa
1970 kommt mit dem Simson Mofa 1 (SM1) ein Fahrzeug auf den Markt, das wieder an eine besonders niedrigschwellige Form der Motorisierung anknüpfen sollte. Das Mofa erreichte 30 km/h, erfordert allerdings einen Helm und eine einfache Fahrerlaubnis. Entsprechend bleibt die Nachfrage gering. Nach rund 60.000 gebauten Fahrzeugen endet die Produktion bereits im März 1972 wieder.
Die dritte Generation: Simson S50 und Simson S51

Ab 1967 wird in Suhl bereits an einer neuen Fahrzeuggeneration gearbeitet. Wegen des Mangels an hochwertigem Stahlblech kommen dabei in größerem Umfang Kunststoffe zum Einsatz. Grundlage der Konstruktion war das sogenannte „offene Prinzip“, bei dem verschiedene Varianten auf derselben Grundkonstruktion aufgebaut werden können.
Auf dieser Grundlage entsteht zunächst die 1974 vorgestellte S50, die sportliche Elemente mit Alltagstauglichkeit verbindet. Zu den Neuerungen gehören unter anderem eine Teleskop-Vordergabel und ein verstellbarer halbhoher Tourenlenker.
1979 folgt die Simson S51 mit gleichem Fahrgestell, kleinerem Tank und neuem Motor. Sowohl S50 als auch S51 werden in mehreren Ausstattungsvarianten angeboten und gehören zu den meistgebauten 50-cm³-Kleinkrafträdern Europas. Sie dürfen steuerfrei und ohne Kennzeichen mit bis zu 60 km/h gefahren werden. 1981 kommt mit der S51E zusätzlich eine Enduro-Ausführung hinzu, ausgestattet mit Stollenreifen, Tourenlenker und verstellbaren Federbeinen.
Hersteller | Simson | |
Typ | S 51 | |
Motorbauart | 1 Zyl. Zweitakt | |
Hubraum | 48 cm³ | |
Leistung | 1,9 PS | |
Bauzeitraum | 1960-1964 | |
Höchstgeschwindigkeit | 45 km/h |
Verkauft werden diese Fahrzeuge vor allem in osteuropäischen Ländern. In den Westen gelangen sie kaum, nicht zuletzt wegen der starken Konkurrenz durch Zündapp, Hercules und japanische Hersteller. In der DDR dagegen sind S50 und S51 fest im Alltag vieler Jugendlicher verankert, die Geldgeschenke zur Jugendweihe mit 15 Jahren werden nicht selten direkt in eine Simson S50/S51 investiert.

Der letzte Roller: SR50
Mit dem SR50 bringt Simson im April 1986 einen vollständig neu gestalteten Roller heraus, die letzte Neuentwicklung des Unternehmens in der DDR. Er wird in verschiedenen technischen Ausführungen und Farben angeboten und ist der einzige Kleinroller mit langhubiger Teleskop-Vordergabel. Hinzu kommt unter anderem eine Hinterradschwinge mit hydraulisch gedämpften und einstellbaren Federbeinen. Ab 1987 ergänzt der SR80 als stärkere Variante das Programm. Ursprünglich ist der Roller für 60 km/h ausgelegt, muss aber ab 1992 an die in der Bundesrepublik geltende 50-km/h-Grenze angepasst werden.
Das Ende von Simson
Nach der Wiedervereinigung steht die Zukunft des Suhler Werks grundsätzlich in Frage. Der Betrieb muss privatisiert und neu ausgerichtet werden.1990 wird mit der „Simson Suhl Fahrzeug GmbH“ eine Nachfolgegesellschaft gegründet, doch schon wenige Monate später bricht der Absatz auf nahezu allen Märkten ein. Der Betrieb gilt als nicht sanierungsfähig, sodass die Treuhandanstalt im März 1991 die Liquidation der Fahrzeugwerke einleitet. In den folgenden Jahren gibt es mehrere Versuche, meist durch ehemalige Mitarbeiter, die Marke am früheren Standort wiederzubeleben. Bis 2002 werden noch Fahrräder, Kleinkrafträder und Motorräder unter dem Namen Simson entwickelt, dann endet die Produktion endgültig.
Zur Geschichte der letzten Simson-Jahre gehört auch die Frage nach Enteignung und Wiedergutmachung. Die Familie Simson verfolgt nach ihrer Flucht in die USA genau, was mit dem Werk in Suhl geschieht. Bereits unmittelbar nach dem Krieg bemüht sie sich um Rückgabe und Entschädigung, bleibt damit in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR aber erfolglos. 1957 erhält die Familie in der Bundesrepublik im Rahmen eines Vergleichs einen finanziellen Ausgleich für die Enteignung des Unternehmens von 1935. Nach der Wiedervereinigung werden Ansprüche der Erbengemeinschaft der Familie Simson auf Vermögenswerte und den Namen „Simson“ erneut verhandelt. Ein Vergleich von 1993 regelt Rückgabe, Entschädigungsfragen und die Nutzung des Markennamens „Simson“. Auch in den 1990er und 2000er Jahren durfte „Simson“ daher nur mit Einverständnis der Erbengemeinschaft verwendet werden.
Vom Alltagsfahrzeug zum Kultobjekt
In den 1990er Jahren sind Simsons zunächst wenig gefragt und teilweise schon für 100 Mark zu bekommen. Ihr späterer Kultstatus hängt eng mit einem praktischen Vorteil zusammen: Durch eine besondere Regelung im Einigungsvertrag dürfen Simsons, die vor dem 28. Februar 1992 in der DDR zugelassen wurden, weiterhin 60 km/h fahren, obwohl für 50-cm³-Kleinkrafträder sonst 45 km/h gelten.
Seit den 2000er Jahren werden Simson-Modelle auch im Westen wiederentdeckt. Inzwischen gelten sie als besonders sichtbare Retro-Mopeds und -Mokicks und haben frühere westdeutsche Traditionsmarken vielerorts in ihrer Präsenz überholt. Seit 2021 kommt ein weiterer Vorteil hinzu: Der Führerschein AM kann bereits mit 15 Jahren erworben werden.
Fazit
Mit der Simson S50, der Simson S51 und dem Simson SR50 entstehen in Suhl noch einmal markante und bis heute bekannte Fahrzeuge. Gleichzeitig zeigt diese späte Phase, wie weit sich der Betrieb inzwischen von seiner langen Unternehmensgeschichte entfernt hat. Der Name Simson bleibt sichtbar, doch die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen werden immer schwieriger.
Damit schließt sich der Bogen dieser dreiteiligen Reihe: von den Anfängen im Suhler Waffengewerbe über den Aufstieg zur bekannten Kleinkraftradmarke bis zum Ende des Werks und zum späteren Kultstatus der Fahrzeuge. Auch im PS.SPEICHER lässt sich diese Entwicklung an mehreren Fahrzeugen nachvollziehen: von frühen Modellen bis zu den späteren Simson-Zweirädern, die heute für viele Besucherinnen und Besucher einen sehr direkten Zugang zur Geschichte der Marke schaffen.
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