Halb Motorrad, halb Auto? Die ungewöhnliche Cyklonette
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entsteht die Cyklonette als vergleichsweise günstige Alternative zum Automobil. Das Motordreirad wird sowohl als Personenwagen als auch als Kleintransporter angeboten. Unsere Cyklonette stammt aus dem Jahr 1906 und feiert in diesem Jahr ihren 120. Geburtstag. Deshalb ist sie im Oktober unser Objekt des Monats.

Als das Fahrzeug auf den Markt kommt, sind Automobile für viele Menschen noch kaum erschwinglich. Cyklon setzt daher auf eine einfache Konstruktion, die ohne mehrere kostspielige Bauteile auskommt. Das Konzept bleibt rund zwei Jahrzehnte im Programm und wird in zahlreichen Ausführungen angeboten.
Cyklon beginnt mit Motorrädern und Transportdreirädern
Nach ersten Erfahrungen im Fahrrad- und Motorradbau bringt die Cyklon Maschinenfabrik in Berlin um das Jahr 1905 ein dreirädriges Personen- und Lastendreirad auf den Markt, das Cyklonette genannt wird. Entwickelt wird sie von den Ingenieuren Franz Hüttel und Paul Schauer, der gleichzeitig auch der Firmengründer ist.
Vor dem Ersten Weltkrieg gehört die Cyklonette zu den verbreitetsten dreirädrigen Transportfahrzeugen in Deutschland und ist insbesondere in Berlin populär. Je nach Ausführung kann sie zwischen 100 und 250 Kilogramm Nutzlast befördern.
Technisch verbindet die Cyklonette Merkmale von Motorrad und Automobil: Der Motor und die Lenkung erinnert an Motorradtechnik, während Verdeck, Sitzplätze und zweispuriger Aufbau eher einem kleinen Auto entsprechen. In Großbritannien werden vergleichbare Dreirad-Kleinwagen teilweise als Motorräder eingestuft, was sich auf Steuern und Führerscheinregelungen auswirken konnte.
Die Technik der Cyklonette
Das auffälligste Merkmal der Cyklonette ist ihr Antrieb: Der Motor sitzt direkt über dem einzelnen Vorderrad und treibt es über eine kurze Kette an. Dadurch kommt die Konstruktion ohne Kardanwelle und Differential aus. Das senkt die Herstellungskosten und vereinfacht die Wartung. Dieser technische Aufbau trägt entscheidend dazu bei, dass die Cyklonette günstiger angeboten werden kann als viele vierrädrige Automobile ihrer Zeit. Diese Art des Antriebs hatten bereits die Brüder Michel und Eugène Werner bei ihrem Motorfahrrad 1898 in Paris genutzt, allerdings setzt sie sich nicht durch und bleibt untypisch für Zweiräder, mit Ausnahme der Cyklon-Fahrzeuge.
Zur Ausstattung der Cyklonette gehören je nach Ausführung ein Rückwärtsgang, Luftkühlung, automatische Schmierung, Magnetzündung und elektrische Beleuchtung. Die frühen Modelle besitzen einen Einzylindermotor mit 3,5 PS und 450 Kubikzentimetern Hubraum. Später folgen stärkere Zwei- und Vierzylindermotoren. Angeboten werden Zweisitzer, Varianten für drei bis vier Personen sowie unterschiedliche Transportausführungen.
Marke | Cyklon |
Modell | Cyklonette |
Motorbauart | 2 Zyl. Viertakt |
Hubraum (cm³) | 650 |
Leistung (PS) | 10 |
Bauzeitraum | 1905-1923 |
V-max (km/h) | 60 |
Das Starten einer Cyklonette verlangt Übung. Gas-, Gemisch- und Zündungsregler befinden sich an der Lenkstange und müssen richtig aufeinander abgestimmt werden. Anders als in einem größeren Automobil gibt es keinen Platz für einen Chauffeur oder Mechaniker, der sich um die Technik kümmern kann.
Patentstreit mit Phänomobil
Franz Hüttel verlässt Cyklon im Jahr 1907 und wechselt zu den Phänomen-Werken nach Zittau. Dort entsteht mit dem Phänomobil ein Fahrzeug, das der Cyklonette technisch stark ähnelt. Zwischen beiden Unternehmen kommt es deshalb zu einem Patentstreit. Cyklon setzt sich 1910 durch, woraufhin die Vorderradfederung des Phönomobil geändert werden muss.
Vom vielseitigen Transportfahrzeug zum Auslaufmodell
Die Cyklonette wird so bekannt, dass „Zyklonette“ zeitweise auch allgemein als Bezeichnung für dreirädrige Kleinwagen verwendet wird. Während des Ersten Weltkriegs liefert Cyklon besondere Ausführungen an das Heer, die vor allem als Krankentransporter zum Einsatz kommen.
Über rund zwei Jahrzehnte wird die Konstruktion der Cyklonette immer wieder weiterentwickelt. In den 1920er Jahren verliert das Dreirad jedoch seinen wichtigsten Vorteil: Für einen ähnlichen Preis sind inzwischen auch vierrädrige Lieferwagen erhältlich. 1923 endet deshalb die Produktion der Cyklonette. Cyklon fertigt anschließend vierrädrige Personen- und Lieferwagen und wird Teil des Schapiro-Konzerns. Spätere Modelle bleiben ohne größeren Erfolg. Anfang der 1930er Jahre verschwindet die Marke vom Markt.
Fazit: Die Cyklonette im PS.SPEICHER
Die Cyklonette von 1906 steht für eine Zeit, in der Hersteller mit unterschiedlichen Fahrzeugkonzepten nach bezahlbaren Formen motorisierter Mobilität suchten. Der direkte Vorderradantrieb vereinfachte die Konstruktion, während verschiedene Aufbauten den Einsatz als Personenwagen, Lieferfahrzeug oder Krankentransporter ermöglichten.
Im Oktober ist die 120 Jahre alte Cyklonette als Objekt des Monats in der Sammlung KLEINWAGEN des PS.SPEICHER zu sehen.
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