Warum Originalität zählt – Unsere Leitlinien für Fahrzeugpflege
- saschafranz
- vor 5 Stunden
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Es gibt Momente in unseren Werkstätten, da halten wir inne. Wenn die Hand über eine alte, leicht matte Lackoberfläche gleitet. Wenn ein Zeitzeugnis sichtbar wird - ein winziger Steinschlag, eine Reparaturniete, ein Patina-Schimmer, der Geschichten erzählt. Genau in solchen Augenblicken wird klar, warum Originalität mehr ist als ein technischer Zustand: Sie ist Kultur. Sie ist Erinnerung. Sie ist Identität.
Diese Haltung ist nicht bloß ein Gefühl, sie ist bei uns Stiftungsauftrag. In § 2 Abs. 6 Nr. 2 der Stiftungssatzung ist festgeschrieben, dass sich die STIFTUNG PS.SPEICHER bei Pflege, Erhaltung und Restaurierung an den Leitsätzen der Charta von Turin der FIVA orientiert. Damit ist festgelegt: Wir bewahren historische Fahrzeuge nicht nur als Objekte, sondern als kulturelles Erbe – und handeln nach international anerkannten Grundsätzen.
Was die Charta von Turin vorgibt – und warum sie zu uns passt
Die Fédération Internationale des Véhicules Anciens (FIVA) hat mit der Charta von Turin 2012 ein Rahmenwerk verabschiedet, das den verantwortungsvollen Umgang mit historischen Fahrzeugen definiert: von Nutzung und Pflege über Konservierung bis zur Restaurierung und Reparatur. Sie versteht historische Fahrzeuge als bedeutende Zeugnisse von Technik, Design und Gesellschaft – und verankert ihre authentische Erhaltung als Ziel.
In Artikel 1 („Aim/Ziel“) fordert die Charta, die Geschichte der Fahrzeuge inklusive Engineering, Form, Funktion und dokumentierter Historie zu bewahren – und zwar mit wissenschaftlichen, historischen und technischen Methoden. Die Fahrzeuge sollen auf öffentlichen Straßen genutzt werden dürfen, denn nur so bleibt das immaterielle Wissen – das Fahren, Bedienen, Pflegen – lebendig.
Artikel 2 („Future/Zukunft“) betont, dass Methoden, Materialkenntnisse und Arbeitsprozesse an kommende Generationen weiterzugeben sind. Erhaltung ist also nicht nur konservieren, sondern auch Wissenstransfer: vom Meister zur Nachwuchskraft, von der Werkbank ins Klassenzimmer, vom Depot auf die Straße.
Die FIVA stellt außerdem klar: Eine möglichst große Authentizität ist zu bewahren; notwendige Änderungen sollen das historische Gefüge nicht stören und periodengerecht bleiben. Genau deshalb steht die Charta einer „Modernisierung um der Modernisierung willen“ kritisch gegenüber.
Diese Prinzipien passen zum PS.SPEICHER: Wir sind keine reine Fahrzeugschau, sondern eine Erlebnisausstellung zur Geschichte der Mobilität - mit Exponaten, die arbeiten, erzählen, atmen. Originalität macht diese Erzählungen glaubwürdig.

Unsere Leitlinien für Fahrzeugpflege – inspiriert von der Charta
1) Erhalten vor Ersetzen
Die erste Pflicht ist Bewahrung. Was original ist, hat Vorrang vor dem Neuteil. Wir stabilisieren, konservieren und dokumentieren, bevor wir austauschen. Die Charta unterscheidet klar zwischen Konservierung (Erhalt des Ist-Zustands), Restaurierung (Rückführung in einen früheren, belegten Zustand) und Reparatur (funktionale Instandsetzung) – jede Maßnahme folgt dem Ziel, den historischen Stoff so weit wie möglich zu erhalten.
2) Periodengerecht statt „perfekt“
„Besser“ ist nicht immer „richtiger“. Farbton, Material, Oberflächenfinish – alles muss zeit- und typgerecht sein. Was historisch roh, genietet, gegossen war, wird nicht „modern glatt“ gemacht. Die FIVA-Handbücher und begleitenden Erläuterungen bekräftigen diesen Fokus auf Authentizität und historische Genauigkeit.
3) Dokumentieren – transparent und nachvollziehbar
Jede Maßnahme wird schriftlich und bildlich dokumentiert: Zustand, Befund, Entscheidung, Durchführung. Die Charta empfiehlt sogar Kennzeichnungen für neu gefertigte Teile oder freie Rekonstruktionen, um spätere Forschung zu unterstützen und Eingriffe sichtbar zu machen (z. B. NB = newly built, FR = free reconstruction, CS = conservational stabilization).
Stillstand schadet. Die Charta betont die verantwortungsvolle Nutzung – auch auf öffentlichen Straßen. Regelmäßiges Bewegen erhält Funktionswissen, reduziert Standschäden und hält das immaterielle Kulturerbe des Fahrens lebendig.
5) Material- und Prozesskompetenz weitergeben
Erhaltung braucht Handwerk: Nitrolacke, Zellulose, frühe Kunststoffe, Vergasertechnik, Zündsysteme – vieles davon ist Spezialwissen. Artikel 2 verlangt den Transfer dieser Kompetenzen an kommende Generationen. Deshalb binden wir Nachwuchskräfte ein, kooperieren mit Schulen und vermitteln MINT‑Inhalte praxisnah.
Historische Fahrzeuge sind mehr als einzelne Objekte. Die Charta schließt Gebäude, Tankstellen, Straßen, Rennstrecken und andere Artefakte der Epoche ein – auch unser Kornhaus und die Tapetenfabrik „Vereta“ gehören zu diesem Kontext der Industrie- und Mobilitätskultur.
Wie wir entscheiden – vom Befund zur Maßnahme
Schritt 1: Befundaufnahme
Vor jeder Arbeit steht die Analyse. Wir erfassen Herkunft, Eigentumsgeschichte, technische Spezifika, Umbauten, Schäden, Oberflächen, Materialien. Die FIVA‑Charta verlangt, dass Entscheidungen auf wissenschaftlichen, historischen und technischen Kenntnissen beruhen.
Schritt 2: Ziel definieren

Konservieren? Restaurieren? Reparieren? Wir wählen den Weg, der Authentizität maximiert und Nutzung ermöglicht. Eine Rennmaschine mit dokumentierter Rennpatina wird anders behandelt als ein seltenes Ausstellungs-Unikat mit fragiler Oberfläche.
Schritt 3: Methoden & Materialien
Wir nutzen zeittypische Verfahren, wo möglich – und markieren unvermeidliche Neufertigungen oder freie Rekonstruktionen klar. So bleibt der Lebenslauf des Fahrzeugs nachvollziehbar.
Schritt 4: Dokumentation & Monitoring
Alle Schritte werden archiviert; nach Fertigstellung folgt Monitoring im Betrieb: Temperatur, Luftfeuchte, Laufintervalle, Ölzustand, Materialreaktionen. Denn Fahrzeugpflege ist Prozess, nicht Ereignis.
Straße statt Sockel – verantwortungsvoll bewegen

Historische Fahrzeuge sind brauchbares Kulturgut. Ihre verantwortungsvolle Nutzung vermehrt das Interesse an Technik und Handwerk, sagt FIVA. Regelmäßiges Fahren erhält Mechanik, Dichtungen, Öle, Reibpaarungen – und vermittelt das, was keine Vitrine kann: das Erlebnis. Gleichzeitig gilt: Betriebssicherheit und Umweltschutz sind verpflichtend; Änderungen zur Sicherheit werden minimalinvasiv
und reversibel umgesetzt, periodengerecht dokumentiert.
Fragen aus der Praxis – unsere Antworten
„Darf man umlackieren?“Nur, wenn der originale Lack nicht erhalten werden kann oder die Historie belegt, dass eine frühere Lackfassung maßgeblich ist. Dann erfolgt die Arbeit periodengerecht - inklusive Pigment- und Schichtaufbau‑Analyse. Dokumentation ist Pflicht.
„Was ist mit sicherheitsrelevanten Teilen?“Sicherheit hat oberste Priorität. Notwendige Erneuerungen (z. B. Bremsbeläge, Reifen) erfolgen typgerecht und reversibel, mit klarer Kennzeichnung und Begründung.
„Wie viel Patina ist ‚richtig‘?“ Patina ist historische Oberfläche. Wir konservieren sie, solange sie nicht gefährdet (z. B. aktive Korrosion). Eine „Überrestaurierung“ ersetzt Geschichte durch Gleichförmigkeit – dem widerspricht die Charta.
Wissen teilen: Bildung, MINT und Nachwuchs

Was nützt die beste Restaurierung, wenn niemand ihre Bedeutung versteht? Artikel 2 verpflichtet zum Wissenstransfer. Darum verbinden wir Werkstatt und Bildung: Führungen, Workshops, Lehrmodule zu Materialien, Fertigung, Motorentechnik, Elektrik und Oberflächen. Die Charta wird so vom Papier zur Praxis – und junge Menschen entdecken, wie Ingenieurskunst und Handwerk Kultur prägen.
Internationaler Rahmen: Von Venedig bis Turin
Die Charta von Turin ist inspiriert von der Charta von Venedig (UNESCO, 1964), der Barcelona‑Charta (historische Schiffe) und der Riga‑Charta (historische Schienenfahrzeuge). Damit steht die Pflege historischer Fahrzeuge auf einer Ebene mit anderen anerkannten Feldern der Denkmalpflege - ein deutliches Zeichen: Fahrzeuge sind Teil der Weltkultur.
Was das für Besucherinnen und Besucher bedeutet
Wenn Sie durch den PS.SPEICHER gehen, sehen Sie keine Kulissen, sondern Zeitzeugen. Viele Fahrzeuge tragen ihre Spuren: eine Reparatur aus den 1950ern, ein periodischer Umbau, ein Lack mit Mikrokratzern. Wir erklären, warum wir es so lassen - und wie wir es bewahren. Diese Ehrlichkeit schafft Nähe: Man erkennt nicht nur, was ein Fahrzeug ist, sondern wer es war – in seiner Zeit, an seinen Orten, bei seinen Menschen.
Mitmachen und mitbewahren
Wer diese Arbeit unterstützen möchte, kann viel bewirken: als Spenderin/Spender, als Zustifterin/Zustifter eines Fahrzeugs, als FörderFreund oder als Kooperationspartner. Jede Hilfe wird zu Erhalt, Wissen und Erlebnis - und hält das immaterielle Kulturerbe der Mobilität lebendig. Das ist unsere Haltung. Das ist unser Versprechen.
Mobilität bewahren - Originalität leben. Für heute. Für morgen. Für alle.

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