Mythos Silberpfeil – wie aus blankem Aluminium eine Legende wurde
- ursularaschke
- vor 5 Stunden
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Stellt euch vor, ihr steht am Nürburgring, es ist 1934. Kein Social Media, keine Liveticker, aber eine Weltöffentlichkeit, die gebannt auf die neue 750-Kilo-Rennformel starrt. Plötzlich rollt ein Wagen auf die Strecke, der nicht – wie vorgeschrieben – in strahlendem Weiß lackiert ist, sondern im blanken Aluminium. Ein Radiosprecher spricht von einem „silbernen Pfeil“. Der Begriff bleibt hängen, ein Mythos ist geboren.
So oder so ähnlich wird die Geschichte bis heute erzählt. Aber wie so oft ist die Wahrheit ein bisschen komplizierter – und genau das macht den Mythos „Silberpfeil“ so spannend.
Woher der Name „Silberpfeil“ wirklich kommt
Historisch belegt ist: Deutschland startete im internationalen Motorsport traditionell in Weiß. Als 1934 die neue 750-Kilo-Formel für Grand-Prix-Rennwagen in Kraft trat, mussten die Teams jedes Gramm sparen. Mercedes-Benz und die Auto Union traten mit neuen Rennwagen an – der Mercedes W25 und der Auto Union Typ A. Beide in Silber statt Weiß.
Die bekannte Anekdote geht so: Kurz vor dem Eifelrennen 1934 sei der Mercedes W25 ein Kilo zu schwer gewesen. Rennleiter Alfred Neubauer soll daraufhin angeordnet haben, über Nacht die weiße Lackschicht herunterzuschleifen. Am nächsten Tag glänzte das blanke Aluminium, der Wagen lag im Gewichtslimit – und aus der Notlösung wurde die Geburtsstunde der „Silberpfeile“.
Klingt gut, ist aber wahrscheinlich Legende. Historiker wie Eberhard Reuß und zeitgenössische Fotos legen nahe, dass Mercedes schon vor dem Eifelrennen mit unlackiertem Aluminium experimentierte und die Autos von Anfang an silbern geplant waren.
Sicher ist:
Der Begriff „Silberpfeil“ taucht in der Presse Mitte der 1930er-Jahre auf.
Er wird zunächst in Verbindung mit Mercedes verwendet, aber auch die Auto-Union-Rennwagen fahren in Silber und werden so bezeichnet – zum Teil sogar als „Silberfische“.
Schon damit zeigt sich: Der Mythos ist von Beginn an geteilt – zwischen Mercedes und Auto Union.
Auto Union vs. Mercedes – ein Duell in Silber
In den 1930er-Jahren prallt im Grand-Prix-Sport vieles aufeinander: technische Avantgarde, nationale Propaganda, persönliche Rivalitäten. Im Zentrum: die Duelle zwischen den neuen Silberpfeilen von Mercedes-Benz und den Auto-Union-Rennwagen mit ihrem ungewohnten Mittelmotor-Layout.
Mercedes setzt auf klassische Frontmotor-Konzepte mit kompressoraufgeladenen Achtzylindern. Die Auto Union, konstruiert unter maßgeblicher Beteiligung von Ferdinand Porsche, stellt alles auf den Kopf:
16 Zylinder (später 12),
bis zu 6 Liter Hubraum,
der Motor hinter dem Fahrer – also ein echter Mittelmotor-Rennwagen.
Dieses Layout sorgt für eine völlig neue Gewichtsverteilung und Fahrdynamik. In der Praxis bedeutet das: Auf schnellen Strecken und Bergrennen sind die Auto-Union-„Silberpfeile“ kaum zu schlagen, während Mercedes auf anderen Kursen dominiert.
Mit dabei sind Namen, die ihr aus jedem Rennsportbuch kennt: Bernd Rosemeyer, Hans Stuck, Rudolf Caracciola, Tazio Nuvolari. Sie verbinden sich so eng mit den Silberpfeilen, dass bis heute kaum ein Artikel ohne diese Namen auskommt.
Glanz mit Schatten: Rennsport als Bühne der Politik
So faszinierend die Technik ist – die Silberpfeil-Ära spielt sich mitten in der NS-Zeit ab. Der Rennsport wird gezielt als Schaufenster für „technische Überlegenheit“ genutzt, Siege werden in den Medien propagandistisch ausgeschlachtet. Bücher wie „Silberpfeile – Die Duelle der Grand-Prix-Teams von Mercedes-Benz und Auto Union 1934–1939“ oder Studien zur Motorsportpolitik zeigen, wie eng Sponsorengelder, Staatsunterstützung und sportlicher Erfolg miteinander verflochten waren.
Wenn Museen heute Silberpfeile zeigen, gehört dieser Kontext dazu. Er mindert nicht die ingenieurtechnische Leistung, verhindert aber, dass die Faszination in unkritische Heldenverehrung kippt.
Nach 1945: von der Rennstrecke ins Depot – und manchmal in den Schrott
Nach dem Krieg interessiert sich erstmal kaum jemand für die alten Rennwagen. In Zwickau werden geschätzt 18 Auto-Union-Rennwagen in einem Bergwerk versteckt, bevor die Rote Armee sie findet und in die Sowjetunion abtransportiert. Dort landen sie in Versuchsanstalten, werden zerlegt, umgebaut oder schlicht zu Altmetall.
Von den ursprünglichen Auto-Union-Silberpfeilen bleiben nach heutigem Stand nur:
ein originaler Typ C,
drei Typ-D-Rennwagen,
und ein Bergrennwagen Typ C/D.
Viele andere Fahrzeuge existieren heute als sehr sorgfältige Rekonstruktionen – technisch beeindruckend, aber eben nicht mehr historisch original.
Mercedes hat einen Teil seiner Vorkriegs-Silberpfeile selbst über die Jahrzehnte bewahrt oder später zurückgekauft. Im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart werden sie heute in der Abteilung „Silver Arrows – Races & Records“ inszeniert – inklusive Renndokumenten, Pokalen und Rekordfahrzeugen.
Der Mythos lebt weiter – von der Formel 1 bis zum PS.SPEICHER
Spätestens als McLaren-Mercedes 1997 wieder mit silbernen Rennautos in der Formel 1 antritt und Mika Häkkinen 1998 und 1999 Weltmeister wird, ist der Begriff „Silberpfeil“ zurück in der Gegenwart.
Auch die späteren „Silberpfeile“ von Mercedes-AMG in der Formel 1 inszenieren sich bewusst in dieser Tradition: Die Presseunterlagen verweisen auf die Geschichte des W25 von 1934, auf den Mythos der blanken Aluminiumhaut und die Idee, dass technische Radikalität Teil der Marken-DNA sei.
Parallel dazu gibt es einen zweiten, leiseren Strang der Silberpfeil-Geschichte – und der führt direkt nach Einbeck. In der SCHATZKAMMER des PS.SPEICHER steht der Awtowelo 650, ein Rennwagen, der Anfang der 1950er-Jahre in der DDR im Auftrag von Wassilij Stalin gebaut wurde. Technisch und formal knüpft er deutlich an die Auto-Union-Silberpfeile an: Mittelmotor, V12, Monoposto – ein „russisch-sächsischer Nachfahre“ der Vorkriegswagen.
Damit zeigt sich: Der Mythos „Silberpfeil“ ist längst mehr als ein cleverer Spitzname. Er ist ein Geflecht aus Technikgeschichte, politischem Kontext, Sammlerleidenschaft und Museumsarbeit.
Warum sich ein Besuch in Einbeck lohnt
Wenn ihr Lust habt, diesen Mythos nicht nur auf Fotos oder im Stream zu erleben, sondern ganz nah dran zu sein, führt euch der Weg früher oder später zu echten Fahrzeugen. In Einbeck könnt ihr in der SCHATZKAMMER des PS.SPEICHER den Awtowelo 650 sehen – genau den Wagen, um den es im Vortrag von Eberhard Kittler am 6. März 2026 geht.
Die FörderFreunde PS.SPEICHER e.V. unterstützen solche Veranstaltungen und Projekte. Sie sorgen mit ihrem Engagement dafür, dass Legenden wie die der Silberpfeile nicht als nostalgische Hochglanzbilder enden, sondern kritisch, neugierig und lebendig erzählt werden.
Vielleicht steht ihr irgendwann in Einbeck vor diesem silbernen Monoposto und merkt: „Mythos“ heißt hier nicht Übertreibung – sondern eine Geschichte, die vielschichtig, widersprüchlich und gerade deshalb so faszinierend ist.




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