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Westautos für den Osten – Wie Volkswagen, Fiat und Co. den Osten eroberten

Eberhard Kittler hält am 18. Oktober 2024 in der PS.Halle bei den FörderFreunden PS.SPEICHER einen Vortrag mit dem Titel „Westautos für den Osten – Wie Volkswagen, Fiat und Co. den Osten eroberten“. Er steht auf der Bühne vor einer Präsentationsfolie und spricht ins Mikrofon. Im Hintergrund sind mehrere Fahrzeuge aus der DDR-Zeit zu sehen, darunter ein Fiat 126 und ein Trabant 1.1 Kombi. Die Veranstaltung beleuchtete die spannende Geschichte westlicher Autos in der DDR und deren Einfluss auf den osteuropäischen Automobilmarkt.
Eberhard Kittler bei den FörderFreunden PS.SPEICHER

Am 18. Oktober 2024 war Eberhard Kittler zu Gast bei den FörderFreunden PS.SPEICHER und nahm das Publikum mit auf eine faszinierende Zeitreise in die Automobilgeschichte. In seinem Vortrag „Westautos für den Osten – Wie Volkswagen, Fiat und Co. den Osten eroberten“ beleuchtete er, wie westliche Automobilhersteller nach dem Mauerfall den osteuropäischen Markt für sich entdeckten. Mit fundiertem Fachwissen und zahlreichen Anekdoten erzählte Kittler, welche Herausforderungen, Strategien und Überraschungen mit der Expansion von Volkswagen, Fiat und anderen westlichen Marken in den ehemals sozialistischen Ländern verbunden waren. Die Veranstaltung zog zahlreiche interessierte Besucher in die PS.Halle und bot spannende Einblicke in einen entscheidenden, aber oft wenig beachteten Abschnitt der Automobilgeschichte.


Westautos in der DDR – begehrt, rar und voller Mythen

Der Mangel an Autos war einer der großen Schwachpunkte der DDR-Wirtschaft. Während im Westen der VW Käfer, der Golf oder der Opel Kadett Millionen von Fahrern begeisterten, warteten Bürger in der DDR oft jahrelang auf einen Trabant oder Wartburg. Dennoch fanden westliche Fahrzeuge ihren Weg in den Osten – über Umwege, offizielle Importe oder Sondergenehmigungen. Bis zur Wende fuhren nur rund 100.000 Westautos auf den Straßen der DDR – ein verschwindend geringer Anteil angesichts der Millionen von Fahrzeugen im Land. Doch sie hatten eine enorme Bedeutung: als Statussymbole, Investitionsobjekte und Zeichen des Wohlstands.


Der große Coup: 10.000 VW Golf für die DDR

Ein besonders spektakuläres Kapitel schrieb Volkswagen im Jahr 1977, als 10.000 Golf offiziell in die DDR geliefert wurden. Der Grund: Die Führung der DDR erkannte, dass der überalterte Fahrzeugbestand zunehmend zum Problem wurde. Die langen Wartezeiten auf neue Fahrzeuge sorgten für Unmut, und so wurde beschlossen, das Straßenbild zu „internationalisieren“. Ein Großteil der Golfs ging nach Ost-Berlin, doch auch in den Bezirken tauchten sie auf. Die Käufer waren vor allem „Bestarbeiter“, die sich durch besondere Leistungen hervorgetan hatten.


Doch nicht jeder war von dem Angebot begeistert. Viele DDR-Bürger lehnten den Golf ab, aus Angst, aufzufallen oder keinen Service für das westliche Auto zu bekommen. Auch der Preis war ein Problem: Der Golf kostete zunächst 30.000 Ost-Mark – fast so viel wie ein sowjetischer GAZ-24 Wolga. Auf Druck des sowjetischen Botschafters senkte die DDR den Preis schließlich auf 19.000 Ost-Mark, was damals eine absolute Ausnahme für ein westliches Auto war.

Genex – Westautos auf Bestellung

Neben den offiziell importierten Fahrzeugen gab es Genex, eine staatliche Außenhandelsorganisation, die es Westdeutschen ermöglichte, ihren Verwandten im Osten Autos zu schenken. Mazda, Volvo, Peugeot und VW-Modelle waren besonders beliebt, da sie innerhalb weniger Monate geliefert wurden – ein Bruchteil der Wartezeit auf einen Trabant oder Wartburg. Allerdings hatten Genex-Fahrzeuge ihren Preis: Ein VW Golf war über 2.000 D-Mark teurer als in der Bundesrepublik.


Exoten im Osten: Porsche, Mercedes und Co.

Neben den Genex-Fahrzeugen und den 10.000 Golf-Modellen gab es auch absolute Raritäten. Der Rennfahrer und Handwerksmeister Hartmut Thaßler brachte 1977 mithilfe eines nordafrikanischen Studenten den einzigen Porsche 911 Turbo in die DDR. Auch zwei Mercedes 300 SL Flügeltürer wurden offiziell zugelassen – absolute Sensationen auf den Straßen der DDR.

Westautos waren nicht verboten, aber sie waren unerwünscht. Wer einen VW, Opel oder Peugeot besaß, musste sich auf neidische Blicke oder gar Anfragen von staatlichen Stellen gefasst machen. Dennoch gab es Vorteile: Besonders seltene Fahrzeuge wurden für Filmproduktionen gebraucht. So konnten Besitzer ihre Westautos an die DEFA verleihen – und dafür gutes Geld kassieren.


Westautos nach der Wende – Wertvolle Zeitzeugen

Mit dem Mauerfall 1989 verloren Westautos in der DDR ihre Sonderstellung. Plötzlich konnte jeder in den Westen fahren und sich ein gebrauchtes Fahrzeug kaufen. Doch heute sind genau diese Ex-DDR-Golfs, Mazdas und Volvos begehrte Sammlerobjekte. Während viele normale Westautos nach der Wende verschrottet wurden, sind die Fahrzeuge aus der DDR oft überdurchschnittlich gut erhalten – ein echtes Stück Zeitgeschichte.


Volkswagen und die DDR – eine besondere Verbindung

Nicht nur durch die Lieferung der 10.000 Golf spielte Volkswagen eine wichtige Rolle in der DDR. Schon in den 1950er-Jahren wurden Käfer, Bullis und Transporter über verschiedene Kanäle ins Land gebracht. Später lieferte Volkswagen sogar Motoren für Trabant und Wartburg. Das 1984 beschlossene Motorengeschäft sollte die DDR-Fahrzeuge moderner machen, führte aber letztlich zu noch größerer wirtschaftlicher Abhängigkeit von westlicher Technik.

Ein geheimer Plan sah sogar vor, gemeinsam mit VW ein völlig neues Auto für den DDR-Markt zu entwickeln: den X03, ein Minivan auf Polo-Basis, entworfen von Giugiaro. Doch das Projekt verschwand in der Wendezeit spurlos.


Warum faszinieren uns Westautos in der DDR noch heute?

Die Geschichten rund um Westautos in der DDR sind mehr als nur Anekdoten aus einer vergangenen Zeit. Sie zeigen, wie Menschen mit Kreativität und Durchhaltevermögen versuchten, ihren Traum von individueller Mobilität zu verwirklichen. Sie beleuchten auch die wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen zwischen Ost und West.

Eberhard Kittler, der als Journalist und Historiker jahrzehntelang zu diesem Thema geforscht hat, brachte in seinem Vortrag im PS.SPEICHER viele dieser spannenden Geschichten zum Leben. Seine Bücher über Volkswagen in der DDR sind nicht nur eine Fundgrube für Oldtimer-Liebhaber, sondern auch ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte.


Fazit: Die außergewöhnliche Geschichte der Westautos in der DDR

Ob über Genex, als Sonderkontingente oder durch private Importe – westliche Autos in der DDR waren mehr als nur Fortbewegungsmittel. Sie waren Ausdruck eines Lebensgefühls, eines Traums von Freiheit und Individualität. Heute sind sie begehrte Sammlerobjekte und Erinnerungen an eine Zeit, in der Autos mehr waren als nur Blech auf vier Rädern – sie waren Symbole des Möglichen in einer Welt voller Einschränkungen.

Wer sich für automobile Geschichte begeistert, sollte unbedingt die Sammlungen des PS.SPEICHER besuchen. Dort gibt es nicht nur Fahrzeuge aus der DDR, sondern auch ikonische Westautos, die einst als Exoten im Osten galten.

Die FörderFreunde PS.SPEICHER organisieren regelmäßig spannende Vorträge wie diesen. Wer sich für die Geschichte der Mobilität interessiert, sollte sich das kommende Programm nicht entgehen lassen – oder direkt Mitglied werden und von vielen exklusiven Vorteilen profitieren! 🚗

 
 
 

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