Ablenkung am Steuer gab es schon immer – nur das Smartphone noch nicht

Früher war die Welt am Steuer noch in Ordnung. Kein Smartphone vibrierte in der Jackentasche, keine Nachricht erschien auf dem Armaturenbrett und kein Navigationsgerät wollte die Route wegen einer vermeintlich schnelleren Alternative neu berechnen. Der Fahrer blickte konzentriert auf die Straße, beide Hände fest am Lenkrad – und ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen.
So zumindest könnte man sich das vorstellen.
Wahrscheinlicher ist eine andere Szene: Auf dem Beifahrersitz entfaltet jemand eine Straßenkarte, die innerhalb weniger Sekunden das halbe Fahrzeug ausfüllt. Aus dem Radio kommt mehr Rauschen als Musik. Auf der Rückbank wird gefragt, ob man bald da sei. Der Fahrer versucht gleichzeitig, ein Straßenschild zu lesen und sich daran zu erinnern, ob man nun vor oder hinter der Kirche abbiegen sollte.
Ablenkung am Steuer ist keine Erfindung des digitalen Zeitalters. Sie sah früher nur anders aus.
Die Legende vom vollkommen konzentrierten Autofahrer
Natürlich lasen Autofahrer früher nicht regelmäßig Romane hinter dem Lenkrad. Auch die Tageszeitung wurde vermutlich nur selten während der Fahrt aufgefaltet. Die Vorstellung, dass erst das Smartphone Nebentätigkeiten ins Auto gebracht habe, greift dennoch zu kurz.
Ablenkung beginnt nicht erst dort, wo jemand offensichtlich etwas Unvernünftiges tut. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat beschreibt sie allgemein als Verlagerung der Aufmerksamkeit von der eigentlichen Fahraufgabe auf eine konkurrierende Tätigkeit. Dabei kann der Blick von der Straße wandern, eine Hand mit etwas anderem beschäftigt sein oder der Kopf gedanklich abschweifen. Internationale Verkehrssicherheitsbehörden unterscheiden deshalb zwischen visueller, manueller und geistiger Ablenkung. Manche Tätigkeiten betreffen nur einen dieser Bereiche, andere gleich mehrere.
Das galt grundsätzlich auch schon zu Zeiten, in denen ein Armaturenbrett noch aus wenigen Rundinstrumenten, Kippschaltern und vielleicht einer kleinen Ablage bestand. Der große Unterschied: Viele frühere Ablenkungen waren analog, räumlich begrenzt und irgendwann erledigt. Eine Karte war wieder zusammengefaltet, der Radiosender gefunden und die Frage von der Rückbank zumindest vorübergehend beantwortet.
Das Smartphone dagegen hat keinen natürlichen Sendeschluss.
Als das Auto selbst noch die volle Aufmerksamkeit verlangte
Bei den ersten Automobilen war vermutlich kaum Gelegenheit, sich nebenbei mit etwas anderem zu beschäftigen. Schon das Fahrzeug selbst hielt seinen Fahrer ausreichend auf Trab.
Das Deutsche Museum beschreibt frühe Automobilisten als Menschen, die das Fahren als Abenteuer und bisweilen als regelrechten Kampf mit der Maschine verstanden. Sie mussten nicht nur den Verkehr beobachten, sondern auch technische Vorgänge beherrschen, die moderne Fahrzeuge weitgehend selbstständig regeln. Lenkung, Zündung, Gemischaufbereitung und Bereifung gehörten zu den großen Herausforderungen der frühen Automobiltechnik.
Eine Push-Mitteilung gab es zwar nicht. Dafür konnte sich der Motor mit einer sehr unmittelbaren und unüberhörbaren Nachricht melden.
Mit zunehmender technischer Entwicklung wurde das Autofahren einfacher und komfortabler. Fahrzeuge ließen sich zuverlässiger starten, besser lenken und sicherer bremsen. Viele Aufgaben, die zunächst Erfahrung, Kraft und technisches Gespür verlangten, übernahmen nach und nach technische Systeme.
Das schuf Entlastung – und damit überhaupt erst den Raum, während der Fahrt über andere Dinge nachzudenken. Sobald das Auto nicht mehr die gesamte Aufmerksamkeit beanspruchte, konnten sich Radio, Reiseproviant und Mitfahrer um die frei gewordenen Kapazitäten bewerben.
Die Straßenkarte: Navigationssystem mit Faltmechanismus
Eine längere Autofahrt begann früher nicht mit der Zieleingabe, sondern häufig am Küchentisch. Straßenkarten wurden ausgebreitet, Ortsnamen gesucht und geeignete Strecken markiert. Wer besonders sorgfältig plante, notierte sich wichtige Abzweigungen oder legte die Kartenblätter in der richtigen Reihenfolge bereit.
Der ADAC stellte bereits ab 1953 Karten für wichtige Urlaubsrouten zusammen. 1975 entstand daraus das Tourset mit individuell ausgewähltem Kartenmaterial, Reiseinformationen und Routenvorschlägen. Der erste ADAC Autoatlas erschien 1989. Auch heute werden noch Hunderttausende Toursets ausgegeben – inzwischen als Verbindung aus analoger und digitaler Reiseplanung.
Unterwegs wurde die Navigation idealerweise zur Aufgabe des Beifahrers. Er war das erste sprachgesteuerte Assistenzsystem des Autos, allerdings mit eigener Meinung und gelegentlich schwankender Genauigkeit.
„Hier vorne rechts.“
„Welche Straße?“
„Die da.“
„Die ist schon vorbei.“
Eine automatische Neuberechnung gab es nicht. Dafür Sätze wie: „Ich habe doch gesagt, du sollst langsamer fahren.“
War kein Beifahrer an Bord, musste der Fahrer sich Straßennamen, Abzweigungen und markante Gebäude merken. An einem geeigneten Platz wurde die Karte erneut aufgefaltet und festgestellt, dass sich der gesuchte Ort genau in jener Falz befand, die nach mehreren Jahren Nutzung nicht mehr vollständig lesbar war.
Auch die analoge Navigation konnte also Blicke und Gedanken von der Straße abziehen. Sie hatte jedoch einen Vorteil: Die Karte meldete sich nicht plötzlich, weil sie eine neue Route gefunden hatte. Sie blieb ruhig liegen – manchmal sogar so ruhig, dass sie beim nächsten Bremsmanöver in den Fußraum rutschte.
Als Musik ins Auto einzog

Auch das Autoradio gehört zu den frühen Begleitern des Autofahrens. Bereits in den 1920er-Jahren experimentierten Bastler damit, gewöhnliche Radios in Fahrzeugen zu installieren. 1930 brachte die Galvin Manufacturing Corporation eines der ersten kommerziell erfolgreichen Autoradios auf den Markt.
Der Markenname dieses Geräts lautete Motorola. Er verband das englische Wort „motor“ mit der damals beliebten Endung „ola“ und sollte sinngemäß für „Sound in Motion“, also Klang in Bewegung, stehen. Die ersten Geräte waren technisch aufwendig: Bauteile mussten im Fahrzeug verteilt, elektrische Störungen reduziert und die empfindliche Technik gegen schlechte Straßen geschützt werden.
Damit zog nicht nur Unterhaltung ins Auto ein, sondern auch eine neue Beschäftigung. Ein Sender musste gesucht, die Lautstärke angepasst und bei schlechtem Empfang nachgeregelt werden. Wer heute durch eine umfangreiche Playlist scrollt, suchte früher mit einem Drehknopf zwischen zwei Frequenzen nach dem Punkt, an dem die Musik das Rauschen wenigstens knapp übertraf.
Natürlich ist Radiohören nicht automatisch problematisch. Der Blick kann auf der Straße bleiben, während Musik oder Nachrichten laufen. Sobald jedoch Knöpfe gesucht und Einstellungen verändert werden, ist ein Teil der Aufmerksamkeit bei der Technik. Das Grundprinzip ist erstaunlich modern: Das Gerät soll die Fahrt angenehmer machen, möchte dafür aber gelegentlich bedient werden.
Der Beifahrer: Reisebegleiter und Live-Kommentar
Nicht jede Ablenkung besitzt Kabel, Knöpfe oder einen Bildschirm. Manchmal sitzt sie einfach auf dem Nachbarsitz.
Gespräche gehören für viele Menschen zu einer gemeinsamen Autofahrt. Sie können eine lange Strecke angenehmer machen und den Fahrer bei Müdigkeit sogar wachhalten. Sie können aber auch gedanklich fordern. Wer eine komplizierte Diskussion führt, ein Problem aus dem Büro lösen möchte oder sich über die richtige Route streitet, fährt körperlich weiter, während sich der Kopf längst mit einem anderen Thema beschäftigt.
Der Beifahrer besitzt außerdem einen entscheidenden Vorteil gegenüber jedem Assistenzsystem: Er kann gleichzeitig navigieren, die Fahrweise kommentieren und auf einen Parkplatz hinweisen, an dem man gerade vorbeigefahren ist.
Auf der Rückbank warten weitere Klassiker. Kinder, die sich langweilen, Proviant, der nicht dort liegt, wo er vermutet wurde, oder die Frage, ob das Reiseziel „jetzt wirklich bald“ erreicht sei. Diese Szenen sind älter als jedes Infotainmentsystem.
Auch Essen und Trinken, das Anzünden einer Zigarette oder die Suche nach einem Gegenstand beschäftigen Hände und Blicke. Nach der gängigen Einteilung der Verkehrsforschung kann bereits der Griff nach etwas im Fahrzeug eine manuelle oder visuelle Ablenkung darstellen. Die Bedienung einer Navigation kann sogar den Blick, die Hände und die Gedanken gleichzeitig beanspruchen.
Das bedeutet nicht, dass jede Unterhaltung und jeder Schluck Wasser sofort gefährlich ist. Es zeigt vielmehr, wie viele kleine Aufgaben sich seit jeher eine begrenzte Ressource teilen: unsere Aufmerksamkeit.
Waren die Autos früher also frei von Ablenkung?
Ein historisches Fahrzeug wirkt im Vergleich zu einem modernen Cockpit oft wunderbar aufgeräumt. Keine animierten Menüs, keine Benachrichtigungen und kein Display, das gleichzeitig Navigation, Musik, Fahrzeugzustand und Wettervorhersage zeigen möchte.
Dafür verlangt ein Oldtimer häufig auf andere Weise mehr Aufmerksamkeit. Je nach Baujahr und Fahrzeug fehlen Servolenkung, Bremskraftverstärker, Stabilitätskontrolle und weitere Hilfen. Lenkung, Kupplung, Schaltung und Bremsen können sich ungewohnt anfühlen. Der Fahrer muss früher reagieren, vorausschauender fahren und stärker auf Geräusche sowie Rückmeldungen des Fahrzeugs achten.
Ein Oldtimer ist deshalb nicht unbedingt ablenkungsfrei. Vielmehr liegt die Aufmerksamkeit an einer anderen Stelle. Sie gilt häufiger dem Fahrzeug selbst: Wie reagiert die Lenkung? Wann muss geschaltet werden? Wie viel Abstand ist nötig? War dieses Geräusch eben schon vorher da?
Das kann sich überraschend konzentriert anfühlen. Nicht weil die Vergangenheit automatisch entschleunigt war, sondern weil Fahrer und Fahrzeug unmittelbarer miteinander kommunizieren. Das Auto fordert Aufmerksamkeit ein, bevor eine andere Beschäftigung überhaupt zum Zuge kommt.
Das Smartphone hat die Ablenkung nicht erfunden
Neu ist heute weniger, dass es Ablenkung gibt. Neu ist, wie viele frühere Einzelaufgaben sich in einem einzigen Gerät versammeln.
Das Smartphone ist Straßenkarte, Radio, Telefon, Fotoapparat, Briefkasten, Terminkalender, Nachrichtendienst und Unterhaltungsprogramm zugleich. Wo früher mehrere Gegenstände nötig waren, reicht heute ein Bildschirm. Dadurch kann das Gerät nicht nur bei Bedarf genutzt werden, sondern ständig neue Anlässe schaffen, sich ihm zuzuwenden.
Gerade das kurze Nachsehen wirkt oft harmlos. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat erklärt diesen Effekt unter anderem damit, dass die Fahraufgabe vielen Menschen vertraut und leicht erscheint. Nebentätigkeiten werden deshalb als machbare Abwechslung wahrgenommen.
Die Straßenverkehrs-Ordnung setzt der Nutzung elektronischer Geräte während der Fahrt klare Grenzen. Ein Gerät darf unter anderem nicht aufgenommen oder gehalten werden; auch ein Blick darauf ist nur unter engen Voraussetzungen zulässig und muss der Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterlage angepasst sein.
Geistig mobil bleiben
Wie das Gehirn Aufmerksamkeit verteilt, warum echtes Multitasking kaum funktioniert und weshalb digitale Reize so schwer zu ignorieren sind, erklärt Prof. Dr. Martin Korte am 23. Oktober um 19 Uhr im PS.SPEICHER.
In seinem Vortrag „Frisch im Kopf: Wie wir uns aus der digitalen Reizüberflutung befreien“ geht es um Lernen, Erinnern und Vergessen, aber auch um die Frage, wann digitale Werkzeuge und Künstliche Intelligenz helfen – und wann sie eher stören. Der Eintritt beträgt zehn Euro, Mitglieder der FörderFreunde PS.SPEICHER e. V. haben freien Eintritt. Mehr über den Vortrag und Tickets
Vielleicht lohnt sich vorher noch ein Rundgang durch den PS.SPEICHER. Denn die Armaturenbretter der ausgestellten Fahrzeuge zeigen ganz nebenbei, wie sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine verändert hat: vom Fahrzeug, das beinahe die ganze Aufmerksamkeit seines Fahrers benötigte, bis zum Auto, das heute versucht, seine Aufmerksamkeit zu schützen.
Ob Straßenkarte, Autoradio oder Smartphone: Jede Zeit bringt ihre eigenen Herausforderungen für unsere Aufmerksamkeit mit. Gut, wenn dabei nicht nur die Technik, sondern auch der Mensch im Blick bleibt.
Die FörderFreunde PS.SPEICHER greifen solche Themen in Vorträgen und Veranstaltungen immer wieder auf. Wer Mobilitätsgeschichte nicht nur verfolgen, sondern aktiv mit unterstützen möchte, ist im Verein herzlich willkommen.
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