Clärenore Stinnes Weltreise – Die erste Autofahrt um die Erde
- insaklapproth
- vor 1 Tag
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Berlin, 1929. Auf der AVUS-Rennstrecke rollt eine dunkle Limousine über die Ziellinie. Am Steuer sitzt eine Frau: Clärenore Stinnes. Als sie am 24. Juni Berlin erreicht, hat sie als erster Mensch die Welt in einem serienmäßigen Automobil umrundet. Zwei Jahre, 23 Länder, 46.758 Kilometer – hinter diesen Zahlen verbirgt sich eine Geschichte voller Wagemut, Rückschläge und Entschlossenheit.

Gegen alle Erwartungen
Clärenore Stinnes wird 1901 in Mülheim an der Ruhr als Tochter des Großindustriellen Hugo Stinnes geboren. Schon früh interessiert sie sich für Motorfahrzeuge, als Teenagerin kennt sie bereits alle Motoren und Fahrzeugtypen auswendig und fährt schon mit 15 Jahren auf dem Firmengelände ihre Runden.
Bis zum Tod ihres Vaters arbeitet sie im Familienunternehmen mit. Als ihre Mutter sie lieber „gut verheiratet“ als in leitender Position sieht, wählt Clärenore einen anderen Weg: den Motorsport. Ab 1924 gewinnt sie unter dem Pseudonym Fräulein Lehmann ihre ersten Rennen. Bis 1927 sammelt sie 17 Titel. Die zierliche Frau, die Hosen trägt, Kette raucht und gerne lacht, wird zur Pionierin. Doch ihr größtes Abenteuer steht noch bevor.
Clärenore Stinnes Weltreise: wie es möglich wird
Eine Weltreise mit dem Auto ist 1927 ein kühnes Vorhaben. In einer Zeit ohne Tankstellen- und Werkstättennetze und geteerte Fernstraßen. Ihre Familie unterstützt sie nicht, also organisiert Clärenore das Projekt selbst: Rund 100.000 Reichsmark sammelt sie bei Sponsoren wie Bosch, Continental und Aral ein. Die Adlerwerke stellt ihr den Wagen – eine dunkelgrüne Limousine vom Typ Standard 6. 50 PS, 80 km/h Höchstgeschwindigkeit, serienmäßig, nur mit umklappbaren Sitzen als Schlafplatz modifiziert. Ihr Team wird ergänzt durch zwei Mechaniker in einem Begleit-Lkw und den schwedischen Kameramann Carl-Axel Söderström, der Film und Fotos der Reise festhält. Auch Hund „Lord“ gehört zur Besatzung. Am 25. Mai 1927 startet das Abenteuer in Frankfurt. Dabei im Gepäck: Werkzeug, Ersatzteile, drei Pistolen, drei Abendkleider und einer Reiseapotheke.
Durch Regen, Eis und Wüste
Gleich zu Beginn vom Clärenore Stinnes Weltreise zeigt sich, dass diese Tour es in sich hat. Zwei Tage nach dem Start haben sie die erste Reifenpanne, hinter Prag macht die Kupplung Probleme, später versinken die Fahrzeuge wegen Dauerregen im russischen Schlamm. Nach und nach fallen die Mechaniker aus oder geben auf. Von Novosibirsk an sind Clärenore und Söderström allein. Vor der Überquerung des Baikalsee muss das Duo für zehn Wochen pausieren, bis der See zugefroren ist. Die Fahrt über das Eis wird zum Sinnbild ihres Muts: Als sich unter dem Adler Risse auftun, gibt es nur einen Weg – Vollgas. Wieder am Ufer bietet Clärenore Stinnes ihrem Begleiter das "Du" an, dann betrinken sie sich.
Durch die mongolische Steppe geht es weiter bis nach Peking. Von Japan geht es per Schiff über Hawaii nach Los Angeles. Dort werden der Lkw und der Hund zurückgelassen, denn in Südamerika wollen sie nur mit dem Auto unterwegs sein – und die Etappe wird herausfordernd. In Peru bleibt der Adler im Treibsand stecken, 42 Männer ziehen ihn an langen Seilen wieder heraus. Bei der Überquerung der Anden ist der Weg durch Felsen verspert, Clärenore hat Dynamid im Kofferraum und sprengt sich den Weg frei. Über manche schottrige Gipfel hieven sie den Adler mit Flaschenzügen. Das Trinkwasser geht aus, sie müssen Kühlwasser trinken und schließlich das Auto zurücklassen. Nach 50 Kilometer Fußmarsch finden sie Hilfe. Söderstrom wird krank, nachdem er genesen und der Wagen mithilfe der Peruaner abgeschleppt wurde, kann die Fahrt weitergehen. Am Titicacasee versagt das Getriebe, wochenlang müssen sie auf Ersatz aus Deutschland warten. Doch Clärenore Stinnes gibt nicht auf.
Die letzte große Etappe führt durch Nordamerika. In Los Angeles wird der Hund wieder eingesammelt, dann geht es auf vergleichsweise gut ausgebauten Highways quer durch die USA. Clärenore Stinnes wird gefeiert, Reporter belagern ihren Weg, im Weißen Haus wird das Duo vom amerikanischen Präsidenten empfangen.
Rückkehr und Triumph
Mit dem Schiff geht es von New York nach Le Havre, danach ist der Weg nicht mehr weit. Am 24. Juni 1929 kommen Clärenore Stinnes und Carl-Axel Söderström in Berlin an und drehen eine Ehrenrunde auf der AVUS – sie haben es geschafft. Aus 10.000 Meter Film mit Aufnahmen der Reise schneidet Söderström den Film "Im Auto durch zwei Welten", der 1931 in die Kinos kommt. Nach Abschluss der Reise lässt Söderström sich von seiner Frau scheiden, im Jahr 1930 heiratet er Clärenore Stinnes. Sie ziehen auf einen Hof nach Schweden und bekommen drei Kinder. Die Zeit der großen Expeditionen endet – aber ihr Vermächtnis bleibt. Clärenore Söderström stirbt 1990 im Alter von 89 Jahren.
Im Geist der Pionierin: Heidi Hetzer und „Hudo“
Mehr als 80 Jahre später ist eine andere Frau auf Clärenore Stinnes’ Spuren unterwegs: die Berliner Unternehmerin und Rallyefahrerin Heidi Hetzer. 2014 startet sie mit ihrem Oldtimer "Hudo", einem Hudson von 1930, zu einer Weltreise. Bis 2017 ist sie unterwegs, dann beendet sie ihr Abenteuer erfolgreich vor dem Brandenburger Tor in Berlin - mit über 80 Jahren. Ihr treuer Begleiter "Hudo" ist mittlerweile im PS.SPEICHER in der Sammlung AUTOMOBIL zu sehen.

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