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Geistig mobil im digitalen Dauerverkehr: Prof. Dr. Martin Korte zu Gast im PS.SPEICHER

vor 2 Tagen
7 Min. Lesezeit
Porträt von Prof. Dr. Martin Korte vor grünem Hintergrund.
Prof. Dr. Martin Korte zeigt, wie wir im digitalen Dauerverkehr den Überblick behalten – und warum geistige Mobilität vor allem eines braucht: bewusste Aufmerksamkeit. Foto: Martin Korte/TU Braunschweig

Wie viele Spuren kann unser Kopf gleichzeitig im Blick behalten? Eine Nachricht blinkt auf, das nächste Online-Meeting beginnt, im Hintergrund wartet eine E-Mail – und eigentlich wollten wir gerade nur einen Gedanken zu Ende denken. Unser Alltag ist von digitalen Werkzeugen geprägt, die vieles erleichtern. Zugleich fordern sie unsere Aufmerksamkeit immer wieder neu heraus. Am Freitag, 23. Oktober 2026, richtet sich der Blick im PS.SPEICHER deshalb auf eine besondere Form der Mobilität: die Beweglichkeit unseres Denkens.


Unter dem Titel „Frisch im Kopf: Wie wir uns aus der digitalen Reizüberflutung befreien“ spricht Prof. Dr. Martin Korte ab 19 Uhr über Lernen, Erinnern und Vergessen, über Aufmerksamkeit und Ablenkung sowie über die Frage, wann digitale Medien und Künstliche Intelligenz das Denken unterstützen – und wann sie es eher ausbremsen. Veranstalter des Abends sind die FörderFreunde PS.SPEICHER e. V.


Wenn zu viele Reize gleichzeitig Vorfahrt verlangen

Abstrakte rot-gelbe Linien strahlen von links und rechts auf einen zentralen Knoten zu, auf weißem Hintergrund.
Zwischen Reizüberflutung und Konzentration: Die gebündelten Lichtlinien stehen sinnbildlich für die Herausforderung, im digitalen Dauerstrom den Fokus zu behalten. Foto: Logan Voss/Unsplash

Digitale Medien begleiten uns vom ersten Blick aufs Smartphone am Morgen bis zur letzten Nachricht am Abend. Sie helfen uns, Termine zu organisieren, Wissen zu finden, Kontakt zu halten und Aufgaben schneller zu erledigen. Das Problem liegt deshalb nicht einfach im Digitalen selbst. Entscheidend ist, wie häufig wir unsere Aufmerksamkeit unterbrechen lassen und ob wir noch bewusst auswählen, was gerade wichtig ist.


Unser Gehirn besitzt keinen unbegrenzt großen Arbeitsspeicher. Es muss fortlaufend ordnen, gewichten und verwerfen. Aufmerksamkeit funktioniert dabei wie eine begrenzte Fahrspur: Was auf ihr unterwegs ist, kann gründlich verarbeitet werden. Drängen jedoch ständig neue Reize hinein, entstehen Wechsel, Verzögerungen und Fehler.


Forschungen zum Aufgabenwechsel zeigen, dass selbst vorbereitete Wechsel messbare Leistungskosten verursachen. Experimente belegen außerdem, dass die Folgen einer zusätzlichen Aufgabe noch anhalten können, wenn diese bereits beendet ist. Der Kopf kehrt also nicht immer augenblicklich und vollständig zu dem Gedanken zurück, bei dem er unterbrochen wurde.

Genau hier setzt Martin Kortes Vortrag an. Es geht nicht um pauschale Technikfeindlichkeit und auch nicht um den romantischen Wunsch, in eine vollständig analoge Welt zurückzukehren. Vielmehr stellt sich die praktische Frage: Wie können wir digitale Möglichkeiten nutzen, ohne unsere Konzentration permanent an sie abzugeben?


Multitasking: viele Anzeigen, aber nur ein Fahrer

Person nutzt gleichzeitig ein Smartphone und einen Laptop an einem hellen Schreibtisch.
Ein Blick aufs Smartphone, einer auf den Laptop – und wo war gerade noch dieser eine Gedanke? 📱💻

Der Begriff Multitasking klingt nach Effizienz. Während einer Videokonferenz beantworten wir E-Mails, prüfen eine Nachricht und behalten nebenbei die nächste Aufgabe im Auge. Subjektiv entsteht das Gefühl, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Bei anspruchsvollen Tätigkeiten arbeitet das Gehirn jedoch meist nicht wirklich parallel. Es wechselt zwischen Aufgaben, aktiviert jeweils andere Regeln und muss sich nach jedem Wechsel neu orientieren.


Diese Wechsel sind nicht immer dramatisch. Viele kleine Unterbrechungen können sich aber summieren. Besonders problematisch wird es, wenn wir nicht nur reagieren, sondern verstehen, abwägen oder etwas dauerhaft lernen wollen. Studien zu parallelen und wechselnden Aufgaben zeigen in unterschiedlichen Versuchsanordnungen deutliche Einbußen bei Reaktionszeit oder Genauigkeit. Dabei lässt sich auch kein grundsätzlicher Vorteil eines Geschlechts feststellen: Multitasking verursacht bei Frauen und Männern vergleichbare Leistungskosten.


Eine Untersuchung zur Ablenkung beim Lernen zeigte zudem, dass Menschen unter geteilter Aufmerksamkeit eine Aufgabe durchaus bewältigen konnten, dabei jedoch andere Gedächtnissysteme nutzten. Das erworbene Wissen war anschließend weniger flexibel verfügbar. Der Stoff war also nicht vollständig verschwunden, aber anders und weniger belastbar abgespeichert.


Die naheliegende Konsequenz lautet nicht, jede Ablenkung verbissen auszuschließen. Viel wichtiger ist es, zwischen Tätigkeiten zu unterscheiden. Routine kann manches Nebeneinander vertragen. Lernen, Schreiben, Planen und kreatives Denken brauchen dagegen Phasen, in denen eine Sache Vorrang erhält.


Geistige Mobilität bedeutet dann nicht, möglichst schnell von Spur zu Spur zu springen. Sie zeigt sich auch in der Fähigkeit, auf einer bewusst gewählten Spur zu bleiben.


Warum Vergessen kein Defekt ist

Ein weiterer Gedanke des Abends klingt zunächst überraschend: Vergessen ist nicht nur ein Mangel. Es gehört zu einem funktionierenden Gedächtnis. Würden wir jede Einzelheit dauerhaft und gleich wichtig speichern, wäre unser Denken mit zahllosen überholten oder nebensächlichen Informationen belastet.


Neurowissenschaftliche Modelle beschreiben Erinnern und Vergessen deshalb als zusammenwirkende Prozesse. Bestimmte Erinnerungen müssen stabil bleiben, andere dürfen an Einfluss verlieren. Das hilft uns, veränderte Situationen zu erfassen, aus einzelnen Erfahrungen allgemeine Regeln abzuleiten und Entscheidungen nicht ständig von veralteten Details bestimmen zu lassen. Vergessen kann damit geistige Flexibilität fördern.


Die spannende Frage lautet folglich nicht nur: Wie kann ich mir mehr merken? Ebenso wichtig ist: Was verdient einen festen Platz im Gedächtnis, und was darf vorbeiziehen?


Wer sich täglich durch Meldungen, Beiträge, Videos und Suchergebnisse bewegt, muss mehr denn je auswählen. Der Kopf braucht nicht nur Input, sondern auch Ordnung, Verknüpfung und Pausen. Nicht jede Information, die unsere Aufmerksamkeit beansprucht, ist zugleich eine Information, die wir benötigen.


Digitale Werkzeuge als Navigation – nicht als Autopilot

Suchmaschinen, Kalender, Navigationsgeräte und inzwischen auch KI-Systeme nehmen uns einen Teil der Denkarbeit ab. Das ist zunächst weder gut noch schlecht. Menschen haben Wissen schon immer ausgelagert: in Notizen, Bücher, Archive, Karten oder an andere Personen. In der Forschung wird dieses Verhalten als „cognitive offloading“, also kognitive Auslagerung, beschrieben. Es reduziert die Anforderungen, die eine Aufgabe unmittelbar an unser Gedächtnis stellt.


Ein bekanntes Experiment zum sogenannten Google-Effekt zeigte, dass Versuchspersonen Informationen schlechter erinnerten, wenn sie davon ausgingen, später erneut darauf zugreifen zu können. Dafür merkten sie sich eher, wo die Information zu finden war. Das Internet wird damit zu einer Art externem Gedächtnis. Das kann entlasten – solange wir wissen, was wir auslagern und welche Kenntnisse wir selbst benötigen, um Informationen einzuordnen.


Bei Künstlicher Intelligenz wird diese Unterscheidung besonders wichtig. KI kann Strukturen vorschlagen, Fragen erklären, Varianten liefern oder beim Üben unterstützen. Sie kann jedoch auch dazu verleiten, den eigentlichen Denkprozess zu überspringen. Eine Antwort, die auf dem Bildschirm plausibel klingt, ist noch kein verstandenes Wissen. Wer selbst nur wenig über ein Thema weiß, kann schwer erkennen, ob eine KI-Antwort Fehler enthält, wichtige Zusammenhänge auslässt oder Informationen erfindet.


Vielleicht lässt sich ein hilfreicher Umgang mit KI deshalb mit einem Assistenzsystem im Fahrzeug vergleichen: Es kann warnen, Routen berechnen und Orientierung geben. Die Verantwortung für Ziel, Urteil und Entscheidung bleibt dennoch beim Menschen.


KI wäre in diesem Bild also weder Gegner noch allwissender Autopilot. Sie wäre ein Werkzeug, dessen Nutzen davon abhängt, wie aufmerksam, kundig und selbstständig wir es einsetzen. Im Vortrag wird Martin Korte einordnen, unter welchen Bedingungen digitale Werkzeuge Lernprozesse fördern und wann sie Aufmerksamkeit und Gedächtnis beeinträchtigen können.


Lernen kennt keine Altersgrenze

„Frisch im Kopf“ richtet sich nicht nur an Schüler, Studenten oder Menschen, die beruflich viel am Bildschirm arbeiten. Der Vortrag schlägt ausdrücklich den Bogen von jungen zu älteren Menschen. Denn unser Gehirn bleibt formbar. Erfahrungen können die Stärke und Struktur von Verbindungen zwischen Nervenzellen verändern. Solche Prozesse der synaptischen Plastizität gehören zu den Grundlagen von Lernen und Gedächtnis.


Mit zunehmendem Alter verändern sich zwar Tempo, Strategien und Voraussetzungen des Lernens. Daraus folgt aber nicht, dass geistige Entwicklung irgendwann endet. Professor Korte beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Gedächtnis funktioniert, wie es trainiert werden kann und welche Rolle unter anderem Bewegung, Schlaf, soziale Kontakte und sinnvoll verknüpftes Wissen dabei spielen.


In seinen Büchern „Jung im Kopf“, „Hirngeflüster“ und „Frisch im Kopf“ überträgt er Erkenntnisse der Gehirnforschung auf Fragen des Alltags. Das 2023 erschienene Buch „Frisch im Kopf“ beschäftigt sich ausdrücklich mit digitaler Reizüberflutung, konzentriertem Arbeiten und effektivem Lernen.


Gerade das macht den Abend für ein breites Publikum interessant. Wer Kinder beim Lernen begleitet, digitale Werkzeuge im Beruf nutzt, die eigene Konzentration verbessern möchte oder neugierig auf die Möglichkeiten des Gehirns ist, findet Anknüpfungspunkte. Es geht nicht um ein starres Trainingsprogramm, sondern um ein besseres Verständnis dafür, wie Aufmerksamkeit und Gedächtnis arbeiten.


Ein Neurobiologe, der Forschung verständlich macht

Martin Korte ist seit 2007 Professor für Zelluläre Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig. Seine Forschung befasst sich unter anderem mit synaptischer Plastizität, Lernen und Gedächtnis. Sein wissenschaftlicher Weg führte ihn an das National Institute of Health in den USA und an das Max-Planck-Institut für Neurobiologie.


Am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung gründete er 2012 eine Forschungsgruppe, die seine Arbeit auf den Gebieten der Neurobiologie und Neurophysiologie mit der Erforschung von Infektionen, Entzündungsreaktionen und neurodegenerativen Erkrankungen verbindet.


Neben seiner Forschung engagiert sich Korte seit vielen Jahren in der Wissenschaftsvermittlung. Seine Stärke liegt darin, komplexe Vorgänge nicht künstlich zu vereinfachen, sondern verständlich zu erklären, ohne ihre Widersprüche zu verschweigen. Genau diese Verbindung aus wissenschaftlicher Grundlage und konkretem Alltag macht ihn zu einem gefragten Gesprächspartner für Fragen, die inzwischen fast jeden betreffen.


Warum dieser Vortrag in den PS.SPEICHER passt

Auf den ersten Blick führt das Thema weg von Motoren, Fahrzeugen und Mobilitätsgeschichte. Bei genauerem Hinsehen liegt die Verbindung nahe. Mobilität beschreibt nicht nur die Fähigkeit, einen Ort zu wechseln. Sie steht auch für Offenheit, Orientierung, Anpassung und Bewegung.


Der PS.SPEICHER erzählt, wie technische Erfindungen den Alltag verändert, Entfernungen verkürzt und neue Handlungsspielräume geschaffen haben. Seine Erlebnisausstellung und Sammlungen zeigen mehr als 200 Jahre Mobilitätsgeschichte und machen sichtbar, dass neue Technik nie nur Maschinen betrifft. Sie verändert immer auch Gewohnheiten, Arbeit, Kommunikation und Gesellschaft.


Digitalisierung und KI bewirken heute etwas Vergleichbares – allerdings nicht nur auf Straßen, sondern auch im Umgang mit Wissen. Sie beschleunigen den Zugang zu Informationen und verändern, wie wir arbeiten, lernen und entscheiden. Umso wichtiger wird die Frage, ob wir diese Systeme bewusst steuern oder uns von ihnen treiben lassen.


Die FörderFreunde PS.SPEICHER e. V. greifen mit ihren Veranstaltungen regelmäßig unterschiedliche Facetten von Mobilität auf. Sie unterstützen das Sammeln, Bewahren und Vermitteln von automobilem Kulturgut und beleben den PS.SPEICHER zugleich mit Vorträgen, Begegnungen und neuen Perspektiven. Mit „Frisch im Kopf“ erweitern sie den Mobilitätsbegriff auf ebenso passende wie unerwartete Weise.


Ein Boxenstopp für die Aufmerksamkeit

Vielleicht ist dieser Abend selbst bereits ein kleiner Gegenentwurf zur digitalen Reizüberflutung: für einige Zeit das Smartphone beiseitelegen, einem Gedanken folgen, Zusammenhänge entdecken und anschließend miteinander ins Gespräch kommen.


Ein Boxenstopp also – nicht, um stillzustehen, sondern um danach klarer weiterzufahren.

Wer entscheidet, welche Reize Vorfahrt erhalten? Welche Pausen braucht das Gedächtnis? Was sollten wir selbst wissen, und was dürfen digitale Systeme für uns bereithalten? Und wie bleibt unser Denken beweglich, ohne sich im Dauerverkehr der Informationen zu verlieren?


Antworten und neue Denkanstöße gibt Prof. Dr. Martin Korte am 23. Oktober 2026 in der PS.Halle. Der Vortrag richtet sich an alle, die besser verstehen möchten, wie Lernen und Erinnern funktionieren, wie digitale Reize unsere Aufmerksamkeit beeinflussen und wie wir in einer immer schneller werdenden Informationswelt geistig mobil bleiben können.



Plakat mit Frau im Profil und Porträt von Prof. Dr. Martin Korte; Text: FRISCH IM KOPF, 23. OKT, FÖRDERFREUNDE PS.SPEICHER.

Veranstaltungsinformationen


Frisch im Kopf: Wie wir uns aus der digitalen Reizüberflutung befreien

Vortrag von Prof. Dr. Martin Korte

Freitag, 23. Oktober 2026

19:00 bis 20:30 Uhr

PS.Halle

Tiedexer Tor 3

37574 Einbeck


Eintritt: 10 Euro/ 5 Euro ermäßigt für Schülerinnen und Schüler

Mitglieder der FörderFreunde PS.SPEICHER e. V.: Eintritt frei


Spontane Gäste sind willkommen. Ohne vorherige Buchung kann allerdings keine Platzgarantie übernommen werden.


Mitveranstalter des Vortrags sind die FörderFreunde PS.SPEICHER e. V.. Der Verein unterstützt den PS.SPEICHER bei seiner Aufgabe, Mobilitätsgeschichte zu sammeln, zu bewahren und zu vermitteln. Mit seinen Vorträgen eröffnet er zugleich neue Perspektiven auf das Thema Mobilität – an diesem Abend nicht auf der Straße, sondern im Kopf.


 
 
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