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Silberpfeile aus Sachsen: Wie der Awtowelo 650 den Weg in den PS.SPEICHER fand

Im Vordergrund steht der silberne AWTOWELO 650 auf einer stilisierten Rennstrecke mit einem Rennwagen dahinter und verschiedenen Motorrädern.
Der AWTOWELO 650

Wenn ihr an „Silberpfeile“ denkt, tauchen wahrscheinlich sofort Bilder von schmalen, silbrig glänzenden Monoposti vor eurem inneren Auge auf, die mit infernalischem V16- oder V12-Sound über alte Grand-Prix-Strecken jagen. Doch hinter den berühmten Auto-Union-Rennwagen steckt eine zweite, viel weniger erzählte Geschichte: die Spur jener Fahrzeuge, die nach dem Krieg in der Sowjetunion verschwanden – und die Geschichte eines späten Nachfolgers namens Awtowelo 650.

Genau diese Geschichte holt der Automobilhistoriker und Motorjournalist Eberhard Kittler am 6. März 2026 in den PS.SPEICHER in Einbeck. Unter dem Titel „Silberpfeile aus Sachsen – die Rückkehr des Awtowelo 650 und seiner verschwundenen Vorgänger“ erzählt er, wie sich Rennwagenbiografien über Kriegsende, Kalten Krieg und Museumsarbeit hinweg ziehen – und warum heute ein einzigartiger Awtowelo 650 in der Schatzkammer des PS.SPEICHER steht.

Weitere Informationen zum Museum, zu den Sammlungen und zur Schatzkammer findet ihr auf der Website des PS.SPEICHER.


Die Auto-Union-Silberpfeile: Mittelmotor als Statement

In den 1930er-Jahren standen die Grand-Prix-Rennwagen von Auto Union und Mercedes-Benz für eine neue Ära im internationalen Motorsport. Die schlanken, unlackierten Aluminiumkarosserien inspirieren bis heute die Bezeichnung „Silberpfeile“. Gerade die von Ferdinand Porsche konzipierten Auto-Union-Typen A bis D mit V16- und später V12-Motoren gelten als technische Avantgarde. Der Motor wanderte nach hinten, das Getriebe nach vorn, dazwischen der Fahrer – ein Mittelmotor-Konzept, das damals kühn war und später zum Standard im Rennsport wurde.


Zwischen 1935 und 1937 prägten die Auto-Union-Silberpfeile große Teile des Grand-Prix-Geschehens. Namen wie Bernd Rosemeyer, Hans Stuck oder Tazio Nuvolari sind eng mit den vier Ringen verbunden. Gleichzeitig waren die Rennwagen Teil der politischen Inszenierung ihrer Zeit: Motorsport wurde als Schaufenster nationaler Leistungsfähigkeit genutzt, Rennsiege wurden zu Symbolen.


Mit Kriegsende änderte sich das Umfeld radikal. Aus Prestigeobjekten wurden plötzlich Reparationsgüter, aus Technikträgern wurden „Demontageobjekte“.


Vom Siegerpodest auf den Güterwagen

Nach 1945 lag das sächsische Auto-Union-Werk in Zwickau in der sowjetischen Besatzungszone. Ein erheblicher Teil der dort verbliebenen Rennwagen und Komponenten wurde als Reparationsleistung beschlagnahmt. Die Silberpfeile verschwanden auf Güterwagen, die in Richtung Sowjetunion rollten.


Zeitzeugenberichte und spätere Recherchen sprechen von einem knappen Dutzend Auto-Union-Rennwagen – darunter Typ-C- und Typ-D-Fahrzeuge –, die in dieser Phase nach Osten abtransportiert wurden. Für viele dieser Wagen begann damit ein Leben im Verborgenen: als Versuchsfahrzeuge in Entwicklungsbetrieben, als Ersatzteilträger für Experimente oder schlicht als Materialreserve, die man irgendwann ausschlachtete.


Für die Öffentlichkeit blieben diese Autos über Jahrzehnte unsichtbar. Es entstanden Legenden von „vergessenen Silberpfeilen in sowjetischen Depots“ und von Rennwagen, die in irgendwelchen Hallen unter Planen stehen sollen. Genau diese Mischung aus spärlicher Dokumentation, politischer Abschottung und späterer Mythenbildung macht das Thema bis heute so faszinierend – und so schwierig zu greifen.


Awtowelo: Rennwagen unter sowjetischer Regie

Um zu verstehen, wie der Awtowelo 650 in dieses Bild passt, müsst ihr einen Blick auf die Nachkriegsstruktur der Fahrzeugindustrie im Osten werfen. Teile der ehemaligen Auto-Union-Werke und das BMW-Werk Eisenach wurden unmittelbar nach dem Krieg in die sowjetische Aktiengesellschaft Awtowelo überführt. Unter diesem Dach entstanden neben Serienfahrzeugen auch technisch ambitionierte Projekte, die stark von sowjetischen Interessen geprägt waren.

Zu diesen Projekten gehörte ein Rennwagen, der heute als Awtowelo Typ 650 bekannt ist.


Zwischen 1949 und 1952 wurden in Chemnitz bzw. Karl-Marx-Stadt zwei Monoposti konstruiert, deren Wurzeln klar in der Vorkriegszeit der Auto-Union-Ingenieure liegen. Die Idee: Ein moderner Grand-Prix-Wagen, der die technischen Fähigkeiten der Beteiligten demonstriert und zugleich den motorsportlichen Ehrgeiz einzelner Akteure in Moskau bedient.


Technisch knüpfte der Awtowelo 650 an das Mittelmotor-Konzept der Auto-Union-Silberpfeile an. Unter der Karosserie arbeitete ein rund zwei Liter großer V12-Motor mit beachtlicher spezifischer Leistung. Formale Details erinnerten an den Typ D, dennoch handelte es sich nicht um eine Kopie, sondern um eine eigenständige Weiterentwicklung – entstanden in einer Phase, in der sich die politische Landkarte Europas gerade erst neu ordnete.


Nie im Rampenlicht – und doch ein Schlüssel zur Geschichte

Trotz der aufwendigen Entwicklung und intensiver Probefahrten trat der Awtowelo 650 nie als feste Größe in der internationalen Rennszene auf. Mit dem Tod Stalins verändern sich Prioritäten, der motorsportliche Ehrgeiz einzelner Entscheidungsträger verlor an Gewicht, Budgets wurden umgelenkt. Das Projekt geriet ins Abseits, die beiden gebauten Wagen verschwanden aus dem Fokus und schließlich auch aus dem öffentlichen Bewusstsein.


Von den Fahrzeugen blieben nur Spuren: ein Chassis, Teile eines Antriebsstrangs, einzelne Komponenten. In Archiven, Werkhallen und später in universitären Sammlungen schlummerten diese Relikte, bis sie Jahrzehnte später als wichtige Stücke der Rennsportgeschichte wiederentdeckt wurden.


Dass wir heute überhaupt vom Awtowelo 650 sprechen können, verdankt sich einer Mischung aus Zufall, Fachwissen und langem Atem verschiedener Beteiligter: Technikhistoriker:innen, Ingenieurinnen und Ingenieure, Museumsleute und Sammler:innen haben über viele Jahre Puzzleteile zusammengetragen, Fahrzeuge identifiziert und ihre Herkunft rekonstruiert.


Von Donington nach Einbeck: Die Reise eines Irrläufers

Ein besonders spannender Strang dieser Geschichte führt nach Großbritannien. Einer der 1950er-Boliden gelangte Jahrzehnte nach seiner Entstehung nach England und wurde im Donington Grand Prix Collection Museum ausgestellt – dort allerdings zunächst unter falscher Identität. Die Öffentlichkeit lernte ihn als vermeintlichen „Auto Union Typ E“ kennen.


Über lange Zeit blieb unklar, was genau für ein Fahrzeug dort stand. Erst durch vergleichende Analysen von Rahmen, Motor und technischen Details setzte sich die Erkenntnis durch, dass es sich in Wahrheit um den Awtowelo 650 handelte – also um einen Rennwagen, der in der frühen DDR unter sowjetischer Regie entstanden war und auf der Tradition der Auto-Union-Silberpfeile aufbaute, ohne selbst einer dieser Vorkriegswagen zu sein.


Heute steht genau dieses Fahrzeug in der Sammlung des PS.SPEICHER in Einbeck. In der Schatzkammer wird der Awtowelo 650 nicht nur als technisches Artefakt präsentiert, sondern auch als erzählbares Objekt: Er bildet eine Brücke zwischen Vorkriegs-Grand-Prix, Reparationsgeschichte und der Frage, wie wir heute mit technischem Erbe umgehen.


Die „verschwundenen Vorgänger“: Der Riga-Wagen und andere Überlebende

Wenn im Veranstaltungstitel von „verschwundenen Vorgängern“ die Rede ist, dann meint das jene Auto-Union-Rennwagen der 1930er-Jahre, die nach dem Krieg als verschollen galten. Einige tauchten später in überraschenden Zusammenhängen wieder auf.


Ein prominentes Beispiel ist der sogenannte Riga-Wagen, ein Auto Union Typ C/D-Bergrennwagen, der in einem sowjetischen Betrieb jahrelang ein Schattendasein führte. Erst als die Fahrzeuge in Museen und Sammlungen stärker in den Fokus rückten, wurde sein Wert erkannt. Der Wagen gelangte in das Motoren-Museum in Riga, wurde dort bewahrt und später in einem aufwendigen Prozess gegen eine authentische Rekonstruktion getauscht. Der originale Rennwagen wurde restauriert und gehört heute zu den wenigen weitgehend original erhaltenen Silberpfeil-Fahrzeugen.


Solche Geschichten zeigen, wie knapp technische Objekte manchmal der Vernichtung entkommen. Ein Rennwagen kann im einen Moment als überholtes „Altmetall“ gelten und im nächsten als Schlüsselobjekt der Marken- und Motorsportgeschichte – je nachdem, wer hinschaut und welche Fragen gestellt werden.


Eberhard Kittler: Spurensucher der Automobilgeschichte

Der Mensch, der euch diese verschlungenen Wege der Silberpfeile und des Awtowelo 650 näherbringt, kennt beide Seiten: die journalistische und die museale. Eberhard Kittler ist Diplom-Ingenieur, langjähriger Motorjournalist, Buchautor und ehemaliger Leiter des Volkswagen AutoMuseums in Wolfsburg.


Er begann seine berufliche Laufbahn im Bereich Verkehrswegebau, wechselte dann in die Fachpresse und prägte über Jahrzehnte Magazine rund um Oldtimer und Automobilgeschichte. Parallel dazu veröffentlichte er zahlreiche Bücher zu Themen wie Fahrzeugbau in der DDR, der Geschichte des Volkswagen-Konzerns oder der Rolle des Automobils in der Nachkriegszeit.

In seiner Arbeit verknüpft Kittler technische Analyse mit sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Perspektiven. Für euch bedeutet das: Ihr erlebt keinen reinen Zahlen- und Datenvortrag, sondern eine Erzählung, in der Biografien von Menschen, Fahrzeugen und Institutionen miteinander verwoben werden. Wer den Awtowelo 650 und seine Vorgänger verstehen will, muss über Werkstoffkunde und Leistungsdiagramme hinaus auch über Politik, Eigentumsfragen und Erinnerungskultur sprechen – genau hier liegt eine Stärke seines Ansatzes.


Was euch am 6. März 2026 im PS.SPEICHER erwartet

Der Abend im PS.SPEICHER ist als erzählerische Reise angelegt. Zunächst holt euch Kittler in die Zeit der großen Grand-Prix-Rennen der 1930er-Jahre zurück. Ihr erfahrt, wie sich die Auto-Union-Silberpfeile technisch von ihren Konkurrenten unterschieden, welche Rolle ihr Mittelmotor-Konzept spielte und wie die Rennteams arbeiteten.


Anschließend rückt die unmittelbare Nachkriegszeit in den Fokus. Ihr begleitet die Silberpfeile sozusagen auf ihren Güterwagen gen Osten und bekommt Einblicke, wie Reparationspolitik, Demontage und technische Neuanfänge zusammenhingen. Aus Rennwagen werden Versuchsträger, aus Prototypen werden Ressourcen – und manches Fahrzeug verschwindet endgültig.


Von dort aus schlägt der Vortrag die Brücke zum Awtowelo 650. Kittler zeigt, wie sich in diesem Fahrzeug DDR-Industriegeschichte, sowjetische Interessen und die Erfahrung der Auto-Union-Ingenieure bündeln.


Ein weiterer Abschnitt widmet sich den „verschwundenen Vorgängern“ – also jenen Silberpfeilen, die nur knapp der Verschrottung entgingen und heute in Museen und Sammlungen stehen.


Zum Schluss geht es darum, wie Museen, Hersteller, Sammlerinnen und Vereine gemeinsam daran arbeiten, diese Objekte nicht nur zu bewahren, sondern auch verständlich zu machen. Ihr bekommt ein Gefühl dafür, wie aufwendig Recherche, Restaurierung und Präsentation sind – und welche Fragen offen bleiben, selbst wenn ein Fahrzeug scheinbar „identifiziert“ ist.


FörderFreunde PS.SPEICHER: Engagement für lebendige Technikgeschichte

Veranstaltungen wie dieser Abend mit Eberhard Kittler wären ohne Unterstützung im Hintergrund schwer denkbar. Eine zentrale Rolle spielen dabei die FörderFreunde PS.SPEICHER e.V.. Der Verein unterstützt den PS.SPEICHER ideell und finanziell und setzt sich dafür ein, dass das automobile Kulturgut nicht im Stillstand konserviert, sondern im Dialog vermittelt wird.


Die FörderFreunde organisieren eigene Veranstaltungen, begleiten Projekte und helfen, neue Formate auszuprobieren – von Vorträgen und Ausfahrten bis hin zu Bildungsangeboten. Wenn ihr euch für Technikgeschichte interessiert und Lust habt, näher an den Entwicklungen des Hauses dran zu sein, lohnt sich ein Blick auf die Seite der FörderFreunde PS.SPEICHER e.V.. Dort erfahrt ihr, wie ihr Mitglied werden oder einzelne Projekte unterstützen könnt.


Wie ihr dabei seid

Der Vortrag „Silberpfeile aus Sachsen – die Rückkehr des Awtowelo 650 und seiner verschwundenen Vorgänger“ findet am 6. März 2026 im PS.SPEICHER, Tiedexer Tor 3, 37574 Einbeck, statt. Die Tickets könnt ihr über den Veranstaltungskalender auf der Website des PS.SPEICHER buchen.


Wenn ihr euch für Rennsportgeschichte, Ost-West-Biografien von Technik oder einfach für gut erzählte Geschichten rund um besondere Fahrzeuge interessiert, bietet euch dieser Abend einen dichten Einblick in ein Kapitel, das sonst leicht im Schatten der großen Namen bleibt. Und vielleicht steht ihr anschließend in der Schatzkammer vor dem Awtowelo 650 und seht ihn mit ganz anderen Augen – als Ergebnis einer langen Kette von Entscheidungen, Zufällen und Recherchen, die ihn schließlich nach Einbeck geführt haben.


 
 
 

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