Mit dem Motorboot quer durch Afrika: Carsten Möhle nahm das Publikum mit auf eine ziemlich schräge Expedition
- vor 16 Stunden
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Manche Geschichten klingen, als hätte jemand beim Abendessen gesagt: „Was wäre eigentlich, wenn wir Afrika einfach mit dem Motorboot durchqueren?“ Und jemand anderes hätte geantwortet: „Gute Idee. Aber nur, wenn wir es zwischendurch auch noch über Land ziehen.“
Genau so eine Geschichte stand am 24. April 2026 im Mittelpunkt des Vortragsabends der FörderFreunde PS.SPEICHER. Zu Gast war Carsten Möhle, Afrika-Reisespezialist, Gründer von Bwana Tucke-Tucke und ausgewiesener Kenner der Expeditionen von Paul Graetz. In seinem Multivisionsvortrag „Paul Graetz’ Expedition mit dem Motorboot quer durch Afrika – 1911 bis 1912 und heute“ nahm er das Publikum mit auf Flüsse, Seen, staubige Pisten und in eine Zeit, in der Abenteuer noch sehr viel mit Improvisation, Mut, Materialverschleiß und einer gewissen Portion Sturheit zu tun hatten.
Der Abend knüpfte an den Vortrag aus dem Vorjahr an, bei dem bereits Graetz’ Automobil-Durchquerung Afrikas Thema gewesen war. Diesmal aber ging es bewusst nicht um das Auto, sondern um die Fortsetzung auf dem Wasser: die Motorboot-Expedition von 1911 bis 1912. Und wer dachte, die Sache mit dem Auto sei schon ungewöhnlich gewesen, merkte schnell: Paul Graetz konnte noch eine Schippe drauflegen.

Ein Boot? Zwei Boote. Ein Fluss? Viele Hindernisse.
Paul Graetz wollte Afrika über Flüsse und Seen durchqueren. Dafür ließ er zwei Motorboote bauen: erst die „Sarotti“ und dann die „Hygiama“. Beide waren Spezialanfertigungen, beide sollten die Idee möglich machen, den Kontinent motorisiert über Wasserwege zu durchfahren. Doch Afrika zeigte sich nicht als bequeme Wasserstraße mit gelegentlichem Picknickplatz am Ufer. Zwischen Flüssen, Seen und Sümpfen lagen Strecken, die schlicht nicht befahrbar waren. Also wurde aus dem Motorboot zeitweise ein Landfahrzeug. Auf montierten Rädern mussten die Boote über weite Strecken durch schwieriges Gelände bewegt werden.
Besonders eindrücklich ist die Etappe zwischen dem Malawisee und dem Tanganjikasee. Dort musste die „Sarotti“ 240 Kilometer über die zentrale afrikanische Wasserscheide transportiert werden. Graetz benötigte dafür im Sommer 1911 insgesamt 38 Tage.
Das ist einer dieser Momente, in denen man beim Zuhören automatisch kurz innehält. 240 Kilometer. Mit einem Motorboot. Über Land. Nicht als Marketingaktion, nicht als moderne Challenge mit Kameradrohne und professionellem Social-Media-Team im Hintergrund, sondern als Expedition unter Bedingungen, die aus heutiger Sicht kaum greifbar sind.
Carsten Möhle erzählte diese Geschichte mit genau der Mischung aus Fachwissen, Humor und lebendiger Erzählfreude. Locker, pointiert und zugleich kenntnisreich verband er historische Originaldias, Ausschnitte aus dem wiederentdeckten Expeditionsfilm und eigene Aufnahmen von seinen Recherchen vor Ort.
Zwei Etappen, zwei Boote, ein Ziel
Die Durchquerung Afrikas mit dem Motorboot gelang Paul Graetz nicht in einer einzigen, durchgehenden Expedition. Tatsächlich bestand sie aus zwei voneinander getrennten Unternehmungen – und das war ursprünglich gar nicht geplant.
Für sein Vorhaben hatte Graetz zunächst nur ein Expeditionsboot bauen lassen: die „Sarotti“. Mit ihr arbeitete er sich ab 1911 von Ostafrika aus tief ins Landesinnere vor. Trotz unzähliger Hindernisse, langer Landtransporte und schwieriger Flussabschnitte kam die Expedition ihrem Ziel immer näher. Doch dann folgte der Rückschlag, der das gesamte Unternehmen infrage stellte: Auf dem Luapula-Fluss sank die „Sarotti“. Die Besatzung konnte sich retten, doch das Expeditionsboot war verloren. Nach Monaten voller Anstrengungen musste Graetz die Reise abbrechen, bevor die Durchquerung des Kontinents vollendet werden konnte.
Für viele wäre damit das Ende des Projekts erreicht gewesen. Graetz jedoch gab nicht auf. Nach seiner Rückkehr organisierte er eine zweite Expedition und gewann neue Unterstützer für einen weiteren Anlauf. Erst jetzt kam ein zweites Motorboot ins Spiel: die „Hygiama“. Mit ihr setzte Graetz die Reise vom Kongobecken aus fort, um die noch fehlende Strecke seiner Afrika-Durchquerung zu schließen. Die Namen der Boote machten dabei zugleich sichtbar, wer solche Unternehmungen finanzierte – schon damals waren Expeditionen ohne Sponsoren und Förderer kaum denkbar.

Am 17. Dezember 1912 erreichte die zweite Expedition mit der „Hygiama“ schließlich genau jene Stelle am Luapula-Fluss, an der die erste Unternehmung geendet hatte. Erst in diesem Moment schlossen sich beide Expeditionen zu einer einzigen Pionierleistung zusammen: Die Motorboot-Durchquerung Afrikas war vollendet.
Die Geschichte hat dabei eine fast schon ironische Pointe. Nicht nur die „Sarotti“, sondern später auch die „Hygiama“ ging auf derselben Flussstrecke verloren. Die Motorboot-Durchquerung Afrikas war da zwar bereits vollendet, doch sie zeigt eindrucksvoll, unter welchen Bedingungen sich Graetz bewegte. Zwischen technischem Fortschritt, Improvisation und ständigem Risiko lagen oft nur wenige Meter Fluss.
Wenn Geschichte plötzlich sehr nah wirkt
Carsten Möhle erzählt nicht nur von Paul Graetz. Er ist den Spuren dieser Expedition selbst nachgegangen. Er kennt die Schauplätze, die Routen, die Schwierigkeiten und die kleinen Absurditäten, die entstehen, wenn historische Abenteuer auf heutige Realität treffen. Natürlich flossen auch seine eigenen Erfahrungen in den Vortrag mit ein, darunter eine Fahrt mit einer selbstgebauten schwimmenden „Schrankwand“ auf dem Kongo.
Möhle und sein Team selbst hatte die Strecke auf unterschiedliche Weise erkundet: knapp eine Hälfte der Strecke mit einem selbstgebauten Boot und die andere Hälfte mit einem gecharterten Boot. Dadurch bekam der Abend eine doppelte Perspektive. Einerseits ging es um Graetz’ Expedition zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Andererseits ging es um die Frage, was von solchen Wegen heute noch sichtbar, spürbar oder nachvollziehbar ist.
Abenteuer mit Schattenseiten
Bei aller Faszination blieb der Vortrag nicht bei romantischer Abenteuerlust stehen. Die Expedition war gefährlich, anstrengend und tragisch. Der französische Kameramann Octave Fieres, der die Fahrt dokumentierte, kam bei einem Büffelkampf ums Leben. Paul Graetz selbst wurde dabei schwer verletzt. Er erlitt schwere Kopfverletzungen und einen zertrümmerten Kiefer, der notdürftig mit einem Ledergürtel stabilisiert wurde.
Diese Expedition war zudem ein Unternehmen in einer kolonial geprägten Zeit, voller technischer Ambitionen, persönlicher Härte und problematischer historischer Rahmenbedingungen. Carsten Möhle erzählte dies alles spannend, manchmal augenzwinkernd, aber nicht beliebig. Der Vortrag war unterhaltsam, ohne auch die Kolonial-Geschichte zu verniedlichen. Er zeigte, wie schmal der Grat zwischen Pioniergeist, Größenwahn, Improvisation und Überleben sein konnte.
Historische Originale und wiederentdeckte Bilder
Ein besonderer Schatz des Vortrags waren die historischen Bilder und Filmsequenzen. Die Filmaufnahmen der Expedition gelten als frühe und erste bewegte Bilder aus Zentralafrika, die Aufnahmen des französischen Kameramanns Octave Fieres sind zumeist erhalten geblieben.
Für ein Museum wie den PS.SPEICHER ist genau das spannend: Geschichte wird hier nicht nur über Fahrzeuge erzählt, sondern über Menschen, Wege, technische Ideen und die Frage, wie Mobilität Gesellschaft, Wahrnehmung und Weltbilder verändert. Die Motorboot-Expedition von Paul Graetz zeigt Mobilität als Experiment. Als Wagnis. Als manchmal ziemlich eigensinnige Antwort auf geografische Grenzen.
Die FörderFreunde PS.SPEICHER schaffen mit solchen Vortragsabenden regelmäßig Räume, in denen Mobilitätsgeschichte lebendig wird. Der Verein unterstützt den PS.SPEICHER, fördert ausgewählte Projekte, beteiligt sich an Sonderausstellungen und organisiert Veranstaltungen rund um Mobilitätsthemen. Mehr Informationen zu den FörderFreunden findet ihr hier: FörderFreunde PS.SPEICHER.
Mobilitätsgeschichte, die lebendig wird
Mobilitätsgeschichte besteht aus Ideen. Aus Menschen, die Grenzen verschieben wollten. Aus Konstruktionen, die manchmal genial und manchmal herrlich unpraktisch waren. Aus Reisen, bei denen aus einem Plan ein Abenteuer wurde.
Genau deshalb passen solche Vorträge in den PS.SPEICHER, sie machen deutlich, dass hinter vielen technischen Entwicklungen Geschichten stecken, die überraschend, widersprüchlich und manchmal erstaunlich unterhaltsam sind.
Und genau dafür sind die Veranstaltungen der FörderFreunde PS.SPEICHER da: Sie bringen Menschen, Geschichten und Mobilität zusammen. Nicht als trockene Rückschau, sondern als lebendige Begegnung mit Vergangenheit, Gegenwart und der Frage, was Menschen eigentlich antreibt.
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